Die Salem Express ist kein Tauchplatz, den ich pauschal empfehle. Von außen lässt sich das Wrack unter passenden Bedingungen eindrucksvoll und respektvoll betauchen. Wer in das Schiff eindringt, macht jedoch keinen etwas anspruchsvolleren Rundgang, sondern begibt sich in eine Overhead-Umgebung ohne direkten Aufstieg zur Oberfläche. Dafür braucht es eine passende Wrackausbildung, eingeübte Verfahren, Redundanz und einen belastbaren Plan. Und wenn schon der Gedanke an diesen Ort innerlich alles eng macht, ist ein klares Nein die richtige Tauchentscheidung. Ich war 2005 zum ersten Mal dort und kehrte 2022 zurück – nachdem ich drei Tage lang gezögert hatte.
Meine Entscheidung ist heute ziemlich klar:
- Außenbetauchung: nur, wenn Qualifikation, Erfahrung, Tagesbedingungen, Tiefenprofil und die eigene Verfassung zusammenpassen.
- Penetration: nur mit spezieller Ausbildung, geeigneter Ausrüstung, eingespieltem Team und lokaler Einweisung. Ein Guide ersetzt diese Voraussetzungen nicht.
- Abbruch: jederzeit. Berühmter Tauchplatz hin oder her.
Warum ich 17 Jahre lang nicht zurückwollte
2005 gehörten meine Tauchgänge an der Salem Express zu meinen ersten Tauchgängen im Meer als Open Water Diver. Damals blieb vor allem die Geschichte hängen. Nicht auf eine gute Art. Auf dem Grund lagen persönliche Gegenstände, im und am Schiff waren Autos, Kabinen und Teile des früheren Bordlebens zu erkennen. Aus Stahl wurde plötzlich Biografie.
Ich hatte danach keinen Wunsch, zurückzukehren. Einmal reichte.
Die Salem Express würde ich wegen ihrer teilweise geringen Tiefe nicht pauschal als anfängertauglich einstufen. Tiefe ist nur eine Zahl im Risikoprofil. Strömung, Freiwasserabstieg, Orientierung an einem seitlich liegenden Schiff, mögliche Engstellen, scharfe Kanten und die emotionale Belastung verschwinden nicht, nur weil ein oberer Teil des Wracks vergleichsweise flach liegt.

Als ich 2022 während meiner Tauchwoche in Soma Bay hörte, dass eine Tour zur Salem Express geplant war, sagte ich zunächst Nein. Dann noch einmal. Insgesamt brauchte ich drei Tage, bis aus dem Widerstand ein bewusstes Ja wurde. Das ist für mich eine der wichtigsten Erfahrungen dieses Tauchtags: Man muss sich an einen Tauchgang nicht heranargumentieren. Wenn das Nein bleibt, bleibt man an Bord oder wählt ein Riff.
Der erste Blick auf das seitlich liegende Schiff
Die Ausfahrt begann leicht. Auf der Hinfahrt kam eine größere Delfingruppe ans Boot und begleitete uns ein Stück am Bug. Vor dem Einstieg wurde der Ton ernster. Unsere Tauchguides Hassan und Sawy nahmen sich für Geschichte, Route und Sicherheit ungewöhnlich viel Zeit.

Bei unseren Bedingungen war das Wasser ruhig, die Sicht gut und das Wrack bereits von der Oberfläche auszumachen. Wir stiegen im Freiwasser ab. Dann schob sich diese gewaltige Stahlseite ins Blickfeld: eine lange Wand mit kleinen Fenstern, dahinter die Kabinen, darüber und darunter Aufbauten, die ihre ursprüngliche Ordnung verloren haben. Die Salem Express liegt auf der Seite. Das verändert jede gewohnte Orientierung.

Der Stahl war 2022 deutlich bewachsen. Zwischen der menschlichen Konstruktion hatte sich längst Meeresleben eingerichtet. Genau dieser Gegensatz macht das Wrack visuell so stark: Die Form des Schiffs ist noch klar erkennbar, aber das Meer arbeitet ununterbrochen daran weiter.

Außenbetauchung und Penetration sind zwei verschiedene Tauchgänge
Die entscheidende Grenze verläuft nicht an einer Tür und auch nicht dort, wo jemand sagt: „Das ist nur ein kurzes Stück.“ Sie verläuft dort, wo der direkte, freie Weg zur Oberfläche verloren geht. Sobald Stahl, ein Deck oder ein anderer Teil des Wracks über dir liegt, befindest du dich in einer Overhead-Umgebung.
Was eine Außenroute leisten kann
Von außen gibt es genug zu sehen. Am Heck wirkten Schrauben und Ruder neben einem Taucher riesig. Entlang des Schiffs lassen sich Fenster, außen liegende Bereiche, Teile der Aufbauten, Rettungsboote, die Brücke und die offene Laderaumklappe einordnen. Auf dem Grund lagen bei meinen Tauchgängen unter anderem ein Fernseher und weitere Gegenstände aus dem früheren Bordalltag.


Man muss dafür nichts anfassen, verschieben oder mitnehmen. Man muss auch nicht durch eine Öffnung schwimmen, nur weil sie groß genug aussieht. Eine gute Außenroute bleibt so angelegt, dass der Aufstieg ins Freiwasser jederzeit möglich ist und dass Wrack, Grundzeit, Gas und Team im Blick bleiben.
Warum ein kurzer Blick ins Innere nicht harmlos ist
Im Inneren vervielfachen sich die Probleme: Orientierung kann kippen, aufgewirbeltes Sediment die Sicht nehmen, Leitungen oder Netze können sich verfangen, Bauteile können lose sein und der direkte Aufstieg ist blockiert. Der Divers Alert Network-Leitfaden zu den Gefahren beim Wracktauchen nennt deshalb unter anderem spezielle Ausbildung, eine durchgehende Führungsleine, starke Haupt- und Reservelampen, geeignete redundante Gasversorgung, saubere Gasplanung sowie sehr gute Tarierung und Flossentechnik.
Das sind keine Gegenstände, die man für einen Tag in eine Kiste legt und damit automatisch qualifiziert ist. Der Umgang damit muss sitzen. Auch die lokale Führung macht aus einem nicht ausgebildeten Sporttaucher keinen Wracktaucher. Sie kennt den Platz. Die Kompetenz für eine Penetration muss das Team selbst mitbringen.
Mein einfachster Maßstab lautet deshalb: Wenn Ausbildung, Ausrüstung, Übung oder mentale Ruhe fehlen, bleibe draußen. Dort beginnt nicht die zweitbeste Version des Tauchgangs. Dort liegt für die meisten Taucher die vernünftigere.
Der Kopf gehört zur Sicherheitsausrüstung
An der Salem Express kann sich die Vorstellungskraft regelrecht verselbstständigen. Mir ging das schon 2005 so. Persönliche Gegenstände erzeugen eine Nähe, die eine abstrakte Zahl niemals herstellen könnte. Wer während des Tauchgangs nur noch an die Katastrophe denkt, hat weniger Aufmerksamkeit für Gas, Tiefe, Buddy und Umgebung.
Deshalb gehört die psychologische Abbruchentscheidung in das Briefing, nicht erst in den Moment, in dem jemand unter Wasser erstarrt. Vor dem Einstieg sollte jedes Teammitglied ohne Rechtfertigung sagen können: heute nicht, nur außen oder zurück zum Boot.
DAN wertete für einen Beitrag über die Auslöser tödlicher Tauchunfälle unter anderem fehlendes Atemgas, Einschluss in Overhead-Umgebungen, Ausrüstungsprobleme, raues Wasser und Tarierungsprobleme aus. Die praktische Konsequenz ist nüchtern: Risiken bauen häufig aufeinander auf. Eine konservative Entscheidung kann verhindern, dass aus einem unguten Gefühl der erste Stein einer Kausalkette wird.
Was das Wrack erzählt – ohne die Mythen weiter aufzublasen
Die Salem Express sank 1991 vor Safaga. Sehr viele Menschen verloren dabei ihr Leben. Bei öffentlich genannten Opferzahlen, der Zahl der Menschen an Bord und einzelnen Abläufen widersprechen sich die Darstellungen jedoch erheblich. Deshalb nenne ich hier keine vermeintlich exakte Zahl.
Auch Geschichten über einzelne Überlebende, den Kapitän, Knochenfunde oder angeblich bis heute verschlossene Räume wiederhole ich nicht als Tatsachen. Hassan kennzeichnete einen Teil dieser Erzählungen nach unserem Tauchgang ausdrücklich als Mythen mit ungesichertem Wahrheitsgehalt. Genau so sollte man sie behandeln: als kursierende Geschichten, nicht als Wissen.
Es braucht auch keine ungeprüfte Behauptung über einen offiziellen Friedhofsstatus, um sich anständig zu verhalten. An diesem Ort starben Menschen. Das allein genügt. Keine Trophäen, kein Eindringen aus Sensationslust, keine gestellten Gruselbilder. Respekt ist hier keine Pose, sondern eine Grenze.

Von Soma Bay, Safaga oder Makadi Bay zum Wrack
Meine Tour 2022 startete mit einem Tagesboot in Soma Bay und dauerte auf der Hinfahrt ungefähr anderthalb Stunden. Das ist eine historische Erfahrung von diesem Tag, keine garantierte Fahrzeit. Ausgangshafen, Boot, Seegang und Route können den Ablauf deutlich verändern. Mehr über meine damalige Tauchwoche steht im Erfahrungsbericht zum Tauchen in Soma Bay.
Wer in Soma Bay, Safaga oder Makadi Bay taucht, sollte bei der Basis nicht nur fragen, ob die Salem Express angefahren wird. Wichtiger ist, wie sie angefahren wird: Welche Außenroute ist vorgesehen? Wird Penetration klar getrennt angeboten? Welche Qualifikation verlangt die Basis? Wie sehen maximales Tiefenprofil, Gasreserve, Buddy-Einteilung und Abbruchregeln aus? Und was geschieht, wenn Wetter oder Strömung nicht passen?
Meine Fragen vor einer Buchung
- Ist der geplante Tauchgang eine reine Außenbetauchung oder enthält er Overhead-Passagen?
- Welche Zertifizierung und welche dokumentierte Erfahrung werden für genau diese Route verlangt?
- Wie werden Tiefe, Grundzeit, Gasreserve und Umkehrpunkt geplant?
- Welche redundante Ausrüstung ist für eine Penetration vorgeschrieben?
- Wie groß ist die Gruppe, und wer entscheidet über eine Routenänderung?
- Gibt es Sauerstoff, einen belastbaren Notfallplan und eine klare Kommunikation zum nächsten medizinischen Versorgungsweg?
- Wird ein persönlicher Abbruch ohne Gruppendruck akzeptiert?
Eine seriöse Antwort darf auch lauten: Heute fahren wir nicht. Das ist kein schlechter Service. Das ist Tauchführung.
Auf der Rückfahrt 2022 standen plötzlich wieder alle an der Reling. Vögel kreisten, Fische sprangen, und vom Boot aus beobachteten wir drei Walhaie – meine ersten überhaupt. Der Tag hatte mit Delfinen begonnen und endete mit Walhaien. Das nahm dem Wrack nichts von seiner Schwere. Es erinnerte mich nur daran, dass das Meer beides gleichzeitig trägt: Verlust und ein Übermaß an Leben.
Mein Fazit zur Salem Express: eindrucksvoll, aber niemals Pflicht
Ich würde unter passenden Bedingungen wieder an der Salem Express tauchen. Nicht, um möglichst tief in das Schiff vorzudringen. Mich interessieren die gewaltige Silhouette, die Details der Außenroute, der Bewuchs und die Frage, was ein solcher Ort mit der eigenen Wahrnehmung macht.
Empfehlen würde ich den Tauchgang nur mit einer Einschränkung, die wirklich etwas bedeutet: Du musst ihn weder machen noch beenden. Für die Außenroute müssen Tagesform, Erfahrung und Bedingungen stimmen. Für jede Penetration kommen spezielle Ausbildung, Redundanz und eingespielte Abläufe hinzu.
Ich brauchte 17 Jahre und drei Tage Bedenkzeit für meine Rückkehr. Das war kein Umweg. Das war ein Teil der richtigen Entscheidung.


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