Wanderlust: Fernweh als Inbegriff der Veränderung und des Wandels?

Habt Ihr schon die Wanderlust in Euch entdeckt?

Wanderlust: Reiselust für den Einzelnen, die ökologische Katastrophe für alle? Foto: Unsplash
Wanderlust: Reiselust für den Einzelnen, die ökologische Katastrophe für alle? Foto: Unsplash

Die Sehnsucht nach dem Anderen, der Wunsch nach Abenteuern und ein Ausbruch aus dem Alltäglichen: Wanderlust, verstanden als Reiselust und Fernweh, Aufbruch und Fortschritt, ist ein Inbegriff der Veränderung und des Wandels. Warum ist es heute wichtiger denn je, Wanderlust in sich zu haben? Und welche zutiefst verstörende, dunkle Seite besitzt die Wanderlust? Ein Essay über die Bedeutung des Fernwehs in einem gelingenden Leben.

Die gigantischen, mit Menschen aus aller Herren Länder überladenen Abflughallen des Flughafens von Dubai wirkten auf mich immer wie die innere Zone einer neuen kosmopolitischen Weltordnung, von der auf dem restlichen Planeten noch niemand etwas ahnt. Als würde man einen Sonnenaufgang anschauen, während der Rest der Welt noch schläft. Unter dem Ruf des Muezzins, der fünf Mal am Tag per Lautsprecher durch die riesigen Klangkörper schallt, und dem Geruch von billigen Reinigungsmitteln, frisch gebrühtem Kaffee und französischen Croissants treffen Menschen aus allen Ländern der Welt aufeinander – interagieren und kommunizieren bei einer kurzen Begegnung, mit Turbanen, arabischen Gewändern, Anzug und Krawatte ebenso wie Backpacks, Shorts und Flip Flops – ein kurzes Stelldichein der Weltgesellschaft – bevor sie sich nach ihrem Zwischenstopp wieder in alle Winde verstreuen. Das Drehkreuz verbindet wie ein Stern die Regionen der Welt. Singapur, Peking, London, Frankfurt am Main und Atlanta machen das auch – in abgeschwächter Form, nicht so wie Dubai. Als ich in der Abflughalle von DXB stand, zog es in Form eines Sterns an mir in alle Himmelrichtungen. An allen Gates wartet ein neues Leben – ein anderes Abenteuer. Auftritt: Wanderlust. Das untrügliche, aller verschlingende Bedürfnis, jeder einzelnen Direktion zu folgen. Und sie, die Wanderlust, ist gekommen, um zu bleiben. Nichts als Wanderlust, als Fernweh, als Reiselust und vor allem als Wunsch und tiefgreifendes Bedürfnis nach Abenteuern und Entdeckungen.

Über das Verhältnis von Wanderlust und Verbundenheit

Die Verbundenheit vom Allem und die Wanderlust stehen zueinander wie das Motiv zur Tat. Die Idee, dass alles auf der Welt und im Universum miteinander verbunden ist, findet schon in der Naturphilosophie des Aristoteles in der Veränderung und dem Vergehen aller Elemente und Artefakte Ausdruck. Und ebenso im Kosmos von Alexander von Humboldt, dem Lebenswerk, in dem er versucht hat, die Welt in ihrer Gänze zu beschreiben und zu zeigen, dass alles mit allem zusammenhängt. Als

die Erscheinung der körperlichen Dinge in ihrem Zusammenhange, die Natur als durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganzes

Alexander von Humboldt

verstand Alexander von Humboldt die Materielle Welt in seiner Gänze. Und auch aus sozialphilosophischer Sicht existiert eine beachtenswerte Ansicht über den Zusammenhang zwischen Allem. Der Religionsphilosoph Alan Watts verdeutlicht die Verbundenheit aller Dinge, indem er beschreibt, dass Menschen nicht in diese Welt geboren werden, sondern aus ihr. So wie der Apfelbaum im Sommer Früchte trägt, so habe die Erde Menschen bekommen:

Look, here is a tree in the garden and every summer is produces apples, and we call it an apple tree because the tree “apples.” That’s what it does. Alright, now here is a solar system inside a galaxy, and one of the peculiarities of this solar system is that at least on the planet earth, the thing peoples! In just the same way that an apple tree apples!

Alan Watts

Alles ist miteinander Verbunden. Der Kosmos, die Elemente miteinander ebenso Menschen, Tiere, Bewegung und Ruhe, Lebensraum und allem voran – Handlungen, Kommunikation, Ströme von Interaktion und Eingriffe. Ich schreibe dem Gefühl, dem Drang der Wanderlust die tiefgreifende Erkenntnis über die Verbundenheit von Allem zu – eine Erkenntnis, die sich mindestens darauf gründet, den Zusammenhang allen Lebens näher zu ergründen und mit allen Konsequenzen in das Leben einzutauchen. Das Leben ist auch dann eine Reise, wenn wir immer am gleichen Ort bleiben und unsere Interaktion auf ein Minimum beschränken. Intensiver wird es, wenn wir eintauchen und aus der Erkenntnis heraus handeln. Denn:

Unsere Leben gehören nicht uns. Von der Wiege bis zur Bahre sind wir mit anderen verbunden, in Vergangenheit und Gegenwart. Und mit jedem Verbrechen und jedem Akt der Güte erschaffen wir unsere Zukunft.

Cloud Atlas, Film, 2012

Die Wanderlust ist mit dem Gefühl der Verbundenheit verwoben – und aus der Verbundenheit entsteht ein Verständnis für die Ganzheit, die einen tieferen Einblick in das Leben zulässt.

Wanderlust unter lebenspraktischen Gesichtspunkten

Während diese romantisierte und idealisierte Vorstellung von der Wanderlust-Verbundenheit als Denkkonzept für ein tieferes, gelingenderes Leben tatsächlich überzeugend klingen mag und für den Einzelnen sehr wohl funktionieren kann, bricht sich das Konzept an der Realität. Stellt Euch vor: Sieben Milliarden Menschen packt die Wanderlust, sie beginnen zu Reisen. Was erst einmal wie eine ziemlich befremdliche Vorstellung klingt, könnte schon bald bittere Realität werden.

Viele der beliebtesten Reiseziele der Welt klagen schon heute über die katastrophalen Folgen des Overtourism – eines übermäßigen Tourismus. Venedig vor dem Kollaps, Barcelona wird überrannt, Einwohner auf Mallorca protestieren. Die Ursache: Wohlstand, Shared Economy und Strukturen, die das Reisen massentauglich machen und den schnellen, günstigen Urlaub ermöglichen. Der Antrieb: Social Media. Die Bilder der Schönen auf Instagram, die offensichtlich im Dauerurlaub sind. Das will ich auch – und weil es so leicht zu haben ist, nehme ich es mir. Über die Reisefinanzen müssen sich Generation Y und Z wenig Sorgen machen. Ich kann in Sekunden einen Flug an jeden beliebigen Ort des Planeten buchen. Ein Privatzimmer in Barcelona buche ich ebenso schnell per App – was kümmert es mich, wenn die Einheimischen deshalb keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden? Auf Kreuzfahrten gibt es Alles inklusive – auch die ökologische Katastrophe. Meiner Einschätzung nach gibt es wirklich Probleme durch Overtourism, die allerdings lösbar sind. Aber: Was passiert, wenn sieben Milliarden Menschen beginnen zu Reisen? Experten prophezeien, dass die großen Reisewellen aus China, Indien und Südostasien mit Millionen – gar Milliarden von Menschen, die Wohlstand erlangt haben – noch gar nicht begonnen haben. Was, wenn die Wanderlust auch die anderen packt?

Kommen wir zurück zum Einzelnen und dem individuellen Reisen. Wie zum Teufel kann ich die eigene Wanderlust – das eigene Fernweh, die eigene Reiselust – stillen, ohne zum Kollaborateur einer globalen Katastrophe zu werden? Ja, wie?

Das Ende vom Lied – auch das Ende der Wanderlust?

Ich habe Wanderlust in mir. Ich möchte die Welt entdecken. Am liebsten jedes einzelne Land auf diesem Planeten besuchen, tiefgründige Gespräche mit Menschen führen, die Kultur erforschen und Verständnis über das erlangen, was mir fremd ist. Klingt unheimlich toll, wer will das nicht. Und bin ich bereit, egoistisch zu sein und in Kauf zu nehmen, dass alle die Konsequenzen tragen müssen?

Das Missverhältnis zwischen individueller Wanderlust und dem Schaden aller. Ich gebe keine Antwort, denn damit tappe ich nicht in die allgegenwärtige Dissonanz-Falle. Mit dem Reisen aufhören – keine Option, oder? Weiterhin Reisen und eine Rechtfertigung für sozial unerwünschtes, aber geduldetes Verhalten finden? Zumindest vorläufig mit der kognitiven Dissonanz leben lernen und eine echte Lösung finden, die mehr ist als nur eine Bauchbepinselung für die Selbstwahrnehmung ist.

Also, noch einmal: Wie zum Teufel kann ich die eigene Wanderlust – das eigene Fernweh, die eigene Reiselust – stillen, ohne zum Kollaborateur einer globalen Katastrophe zu werden? Nicht mehr fliegen. Keine privaten Unterkünfte mehr buchen. Beim Tauchen und Schnorcheln keine Korallen abbrechen. Die Menschen auf der Welt vom Reisen – insbesondere vom Fliegen – abhalten. Ganz ehrlich: Ich habe keine Antwort darauf, was richtig ist. Ob ich mir widerspreche? Sicher. Mit jedem Versuch, eine schnelle Lösung zu finden, verstrickt man sich. Es handelt sich dabei um eine kollektive Form des Gefangenendilemmas: Das Strafmaß – die Konsequenzen – hängen von der Zusammenarbeit von sieben Milliarden Gefangenen ab.

Welche Bedeutung hat Wanderlust für Euch? Was zeichnet nachhaltiges Reisen aus? Teilt es uns in den Kommentaren mit.

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