Wanderlust zwischen Aufbruch und Verantwortung: ein ehrlicher Essay

by Sascha Tegtmeyer | Aug. 22, 2019

Die Abflughalle in Dubai wirkt auf mich wie die innere Zone einer Welt, die bereits miteinander verbunden ist, während draußen noch Grenzen, Entfernungen und Zeitzonen regieren. Unter dem Ruf des Muezzins mischen sich der Geruch von Reinigungsmittel, frisch gebrühtem Kaffee und Croissants. Menschen in Anzügen, Gewändern, Shorts und Flip-Flops warten für wenige Stunden im selben Raum. Dann verteilen sie sich wieder über den Planeten.

An den Anzeigen stehen Singapur, Peking, London, Frankfurt und Atlanta. Jedes Gate sieht für einen Moment wie der Eingang in ein anderes Leben aus. Genau dort spüre ich Wanderlust am stärksten: nicht als hübsches Wort auf einem Stoffbeutel, sondern als beinahe körperlichen Drang, mehreren Richtungen gleichzeitig zu folgen.

Dieser Drang ist nicht automatisch edel. Wanderlust kann Neugier sein, Flucht, Status, Unruhe oder der Wunsch nach Veränderung. Sie kann den Blick auf andere Lebensweisen öffnen und gleichzeitig Orte belasten, an denen sich zu viele Besucher dieselbe Freiheit nehmen. Mich interessiert deshalb weniger eine weitere Definition als die schwierigere Frage: Wie kann ich Reiselust ernst nehmen, ohne ihre Folgen kleinzureden?

Wanderlust beginnt für mich mit einer Möglichkeit

Fernweh richtet sich oft auf einen konkreten Abstand: weg von hier, hin zu einem anderen Ort. Wanderlust ist für mich weiter. Sie entsteht schon im Gedanken, dass das eigene Leben nicht an die bekannte Umgebung gebunden sein muss.

Am Flughafen wird diese Möglichkeit sichtbar. Eine Abflugtafel ist eine Liste realer Alternativen. Natürlich beginnt hinter keinem Gate automatisch ein besseres Leben. Man nimmt sich selbst, seine Gewohnheiten und seine offenen Fragen mit. Trotzdem verändert die Möglichkeit den Blick auf den Ort, an dem man gerade steht.

Reisen hat mir nicht beigebracht, dass anderswo alles besser ist. Es hat mir häufiger gezeigt, wie viele verschiedene Antworten Menschen auf dieselben Grundfragen finden: wohnen, arbeiten, essen, feiern, glauben, schützen, verschwenden, teilen. Diese Unterschiede machen die eigene Normalität weniger selbstverständlich.

Die sprachliche Definition von Wanderlust steht in einem separaten Beitrag. Hier geht es um die Konsequenz des Gefühls.

Reiselust kann ein Aufbruch sein oder nur ein Ortswechsel

Nicht jede Reise verändert einen Menschen. Man kann um die halbe Welt fliegen und sich fast ausschließlich in bekannten Abläufen bewegen: Transfer, Hotel, Buffet, Strand, Rückflug. Daran ist nicht automatisch etwas falsch. Erholung braucht keine philosophische Rechtfertigung.

Problematisch wird es für mich erst, wenn ich jedem Ortswechsel im Nachhinein Tiefe zuschreibe, die er nicht hatte. Ein Flugticket ist noch keine Offenheit. Ein Foto mit Ortsmarke ist noch keine Begegnung. Und eine lange Entfernung ist kein Beweis für Mut.

Wanderlust wird für mich interessant, wenn sie eine echte Bewegung auslöst: Ich verlasse eine Gewohnheit, höre genauer zu oder revidiere eine bequeme Annahme. Das kann auf einer Fernreise passieren. Es kann ebenso bei einer Wanderung vor der Haustür geschehen.

In meinem persönlichen Beitrag wie mir die Reiselust das Wandern beibrachte geht es genau um diese kleinere Bewegung. Sie konkurriert nicht mit diesem Essay. Sie zeigt nur, dass Aufbruch keine Mindestflugzeit besitzt.

Drei Fragen trennen Neugier von Kulisse

Bevor ich eine Reise romantisiere, helfen mir drei unbequeme Fragen.

Würde ich hinfahren, wenn niemand davon erführe?

Die Frage richtet sich nicht gegen Fotos oder Social Media. Ich lebe auch davon, Reiseerfahrungen zu dokumentieren. Sie prüft nur, ob der Ort selbst noch eine Anziehung besitzt, wenn Anerkennung wegfällt.

Wenn eine Reise nur als veröffentlichbares Signal funktioniert, ist die Kulisse vielleicht wichtiger geworden als die Erfahrung. Das kann passieren, ohne dass man es sofort merkt.

Würde ich länger bleiben, wenn die Anreise teurer und langsamer wäre?

Sehr günstige, häufige Verbindungen machen kurze Sprünge verlockend. Der Preis auf dem Buchungsbildschirm bildet aber nicht alle Folgen ab. Eine langsamere oder teurere Anreise zwingt mich zu einer anderen Frage: Ist dieser Ort genug, um ihm mehr Zeit zu geben?

Ich halte längere Aufenthalte nicht automatisch für moralisch rein. Aber sie verschieben das Verhältnis zwischen Anreise, Konsum und tatsächlicher Auseinandersetzung. Drei Wochen an wenigen Orten fühlen sich für mich heute oft sinnvoller an als zehn Stationen in derselben Zeit.

Was schulde ich dem Ort, wenn ich wieder abreise?

Mindestens Respekt vor Regeln, Menschen, Natur und knappen Ressourcen. Dazu gehört, keinen bewohnten Ort als private Filmkulisse zu behandeln, lokale Konflikte nicht zu ignorieren und den eigenen Komfort nicht für naturgegeben zu halten.

Diese Antwort bleibt unvollständig. Sie ist trotzdem nützlicher als der Satz, Reisen verbinde Menschen und sei deshalb grundsätzlich gut.

Die dunkle Seite der Wanderlust ist nicht nur der Flug

Die Klimawirkung von Verkehr ist sichtbar und wichtig. Die Folgen des Reisens beginnen und enden aber nicht am Flughafen. Unterkünfte können Wohnraum verdrängen. Besuchermengen verändern Wege, Wasserverbrauch, Abfall und Preise. Tiere werden für Begegnungen bedrängt. Kleine Orte richten ihren Alltag nach einer Saison aus, die ihnen Geld bringt und gleichzeitig Raum nimmt.

Der einfache Reflex lautet: Die anderen sind zu viele. Ich selbst bin Reisender, die anderen bilden den Massentourismus. Diese Unterscheidung hält einer ehrlichen Prüfung selten stand.

Ich war an Orten, an denen ich die Schönheit genossen und gleichzeitig gespürt habe, dass genau diese Anziehung zum Problem wird. Die Reaktion darauf kann nicht darin bestehen, sich selbst zum ausnahmsweise guten Besucher zu erklären. Verantwortung beginnt für mich mit der Anerkennung, dass auch die eigene Reise Teil der Summe ist.

Warum ich trotzdem nicht mit dem Reisen aufhöre

Eine perfekte Auflösung habe ich nicht. Das ist keine elegante Pointe, sondern der Stand meiner eigenen Auseinandersetzung. Reisen gehört zu meinem Leben und meinem Beruf. Ich möchte weiterhin Inseln, Städte, Meere und Menschen kennenlernen. Gleichzeitig kann ich nicht glaubwürdig behaupten, dieser Wunsch habe keine Kosten.

Ich versuche deshalb, Entscheidungen enger und konkreter zu machen:

  • weniger Stationen in eine Reise pressen,
  • länger an einem Ort bleiben, wenn es möglich ist,
  • nicht jede günstige Verbindung als Einladung verstehen,
  • Schutzgebiets- und Tierregeln über das gewünschte Foto stellen,
  • lokale Unterkünfte und Anbieter nach ihrer tatsächlichen Wirkung prüfen,
  • stark belastete Orte zu Randzeiten besuchen oder bewusst auslassen,
  • und die negativen Seiten eines Reiseziels ebenso beschreiben wie seine Schönheit.

Keiner dieser Punkte ist ein Freispruch. Sie sind Versuche, aus einem abstrakten Konflikt konkrete Entscheidungen zu machen.

Meine Anti-Empfehlung lautet: Suche nicht nach einer einzigen Buchungsoption, die jede Folge neutralisiert. Ein Aufpreis, ein Label oder ein gut formulierter Nachhaltigkeitstext kann sinnvoll sein. Er nimmt dir nicht die Aufgabe ab, genauer hinzusehen.

Wanderlust ist nicht dasselbe wie dauernde Bewegung

Der Drang nach dem nächsten Ort kann irgendwann verhindern, dass man überhaupt noch ankommt. Wer ständig vergleicht, plant und dokumentiert, erlebt die Gegenwart als Zwischenstopp.

Das kenne ich aus der Reiseproduktion. Während ein Ort noch vor mir liegt, denke ich bereits an den nächsten Artikel, die nächste Route oder das fehlende Motiv. Wanderlust kippt dann von Offenheit in Unruhe.

Eine Gegenbewegung besteht für mich nicht darin, Fernweh abzuschaffen. Sie besteht darin, einem Ort genug Zeit zu geben, bis die erste Projektion schwächer wird. Der Strand ist dann nicht mehr nur schön. Man erkennt Gezeiten, Müll, Arbeitswege, volle Stunden und ruhige Ecken. Eine Stadt wird nicht mehr über drei Wahrzeichen erzählt. Sie bekommt Alltag.

Vielleicht ist Ankommen die anspruchsvollere Form der Wanderlust: nicht möglichst schnell weiter, sondern lange genug bleiben, damit der Ort der eigenen Vorstellung widersprechen darf.

Was von der Abflughalle bleibt

Wenn ich an Dubai denke, sehe ich noch immer diese Richtungen. Jedes Gate zieht. Ich werde dieses Gefühl nicht aus mir herausargumentieren, und ich möchte es auch nicht.

Aber ich vertraue ihm weniger blind als früher. Nicht jede Möglichkeit muss genutzt werden. Nicht jeder Ort braucht meinen Besuch. Nicht jede Reise wird besser, weil sie weiter führt.

Wanderlust ist für mich deshalb kein Befehl zum Aufbruch. Sie ist eine Energie, die eine Entscheidung verlangt: Warum dieser Ort, warum jetzt, wie lange und auf wessen Kosten? Erst wenn diese Fragen mitreisen, wird aus Fernweh mehr als Bewegung.

Ich habe keine endgültige Lösung für den Widerspruch zwischen Reiselust und Verantwortung. Ich habe nur aufgehört, den Widerspruch als Störung zu behandeln. Er gehört ins Gepäck.

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Über Sascha Tegtmeyer

Reisejournalist, Autor und Gründer von Just Wanderlust

Ich schreibe auf Just Wanderlust aus eigener Reiseerfahrung über Orte, Meer und Outdoor-Abenteuer. Mehr über mich und meine Arbeit.

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