Was ich nach mehr als 20 Jahren Tauchen anders mache

by Sascha Tegtmeyer | Mai 12, 2026

Wenn ich heute einen Tauchgang absage, fühlt sich das nicht wie eine Niederlage an. 2005 hätte ich das wahrscheinlich noch anders gesehen. Damals wollte ich möglichst viel sehen, möglichst viele Tauchgänge sammeln und keine Gelegenheit verpassen. Heute weiß ich, dass gute Entscheidungen unter Wasser meistens unspektakulär sind. Sie beginnen lange vor dem Sprung ins Wasser – und sie enden oft damit, dass man bewusst auf etwas verzichtet.

Seit 2005 habe ich mehrere Hundert Tauchgänge absolviert – im Roten Meer, im Mittelmeer, im Atlantik, im Indischen Ozean, in Südostasien und in der Ostsee. Noch wichtiger als die Zahl ist aber etwas anderes: Mit jedem Jahr hat sich verändert, worauf ich achte.

Früher faszinierte mich vor allem das, was ich sehen konnte. Heute interessieren mich mindestens genauso sehr die Bedingungen, unter denen ich einen Tauchgang mache. Das klingt weniger spektakulär, macht für mich aber den Unterschied zwischen einem schönen und einem wirklich guten Tauchtag.

Ich suche heute zuerst eine gute Tauchbasis – erst danach den Tauchplatz

Früher habe ich Reiseziele oft nach berühmten Wracks, Großfischen oder spektakulären Bildern ausgewählt.

Heute beginne ich mit einer anderen Frage:

Mit wem gehe ich eigentlich ins Wasser?

Eine gute Tauchbasis erkenne ich heute nicht daran, wie groß das Boot ist oder wie viele Auszeichnungen an der Wand hängen. Ich achte darauf, ob Briefings sorgfältig durchgeführt werden, ob Fragen willkommen sind, ob die Gruppengröße sinnvoll erscheint und ob sich das Team ehrlich mit den Bedingungen auseinandersetzt.

Sascha Tegtmeyer beim Tauchen in einem hellen Raum des Zenobia-Wracks
Wracks gehören zu meinen eindrucksvollsten Tauchplätzen. Heute entscheide ich bewusster, welche Bereiche zu Ausbildung, Erfahrung und Tagesform passen. Foto: Just Wanderlust

Gerade weil ich viele Regionen kennengelernt habe, weiß ich inzwischen: Ein durchschnittlicher Tauchplatz mit einer hervorragenden Basis macht oft mehr Freude als ein berühmter Spot mit schlechter Organisation.

Ich höre beim Briefing heute genauer zu als früher

Je mehr Erfahrung man sammelt, desto größer ist die Versuchung zu denken: Das kenne ich schon.

Genau das halte ich inzwischen für gefährlich.

Lokale Guides kennen Strömungen, Ein- und Ausstiege, Sichtweiten und Besonderheiten eines Tauchplatzes besser als jeder Gast. Selbst wenn ich an einem Ort bereits getaucht bin, höre ich heute aufmerksam zu.

Die Divers Alert Network (DAN) weist ebenfalls darauf hin, dass Briefings die sicherheitsrelevanten Informationen für genau diesen Tauchgang vermitteln und deshalb nie bloße Routine sein sollten. (Divers Alert Network)

Gruppendruck interessiert mich heute kaum noch

Früher wollte ich möglichst keinen Tauchgang verpassen.

Heute weiß ich, dass niemand außer mir die Verantwortung für meine Entscheidung trägt.

Es gab einzelne Situationen, in denen ich bewusst gezögert oder einen Tauchgang nicht gemacht habe. Nicht, weil etwas objektiv gefährlich gewesen wäre, sondern weil es sich für mich in diesem Moment nicht richtig angefühlt hat.

Außenansicht des Wracks der Salem Express im Roten Meer
An der Salem Express wurde mir besonders deutlich, dass ein Nein oder ein Abbruch eine gültige Tauchentscheidung ist. Foto: Sascha Tegtmeyer

Ein Beispiel dafür ist die Salem Express. Dieser Tauchplatz hat für viele Taucher eine besondere Faszination. Gleichzeitig hat jeder seine eigenen Grenzen – fachlich, emotional oder ganz persönlich. Ich habe gelernt, diese Grenzen zu akzeptieren, statt sie überwinden zu wollen.

DAN formuliert einen Grundsatz, den ich heute vollständig unterschreiben würde: Jeder Taucher darf einen Tauchgang jederzeit und aus jedem Grund abbrechen oder gar nicht erst beginnen. (DAN World)

Mein Luftverbrauch ist heute kein Wettbewerb mehr

Anfänger vergleichen oft, wer mit dem geringsten Luftverbrauch auftaucht.

Ich habe das früher wahrscheinlich ebenfalls interessanter gefunden als heute.

Inzwischen sehe ich den Flaschendruck vor allem als Information für die gemeinsame Planung mit meinem Buddy.

Entscheidend ist nicht, möglichst lange unten zu bleiben. Entscheidend ist, dass beide Taucher denselben Plan verfolgen, regelmäßig kommunizieren und rechtzeitig umkehren.

DAN empfiehlt ausdrücklich, Luftvorrat, Umkehrpunkt und Handzeichen bereits vor dem Tauchgang gemeinsam festzulegen und den Luftvorrat während des Tauchgangs regelmäßig zu kontrollieren. (DAN World)

Tiere lassen sich nicht bestellen

Eine der wichtigsten Lektionen hat mit Erwartungen zu tun.

Ich habe Walhaie gesehen.

Ich bin Dugongs begegnet.

Ich hatte Tauchgänge voller Schildkröten und andere, bei denen kaum ein größerer Fisch zu sehen war.

Früher hätte ich einen Tag ohne spektakuläre Sichtung vielleicht als Enttäuschung empfunden.

Weißspitzen-Riffhai beim Tauchen auf den Malediven
Haie waren für mich lange das große Ziel vieler Reisen. Heute ist eine gute Begegnung wertvoller als jede erzwungene Sichtung. Foto: Sascha Tegtmeyer

Heute überhaupt nicht mehr.

Wildtiere folgen keinem Drehbuch und keinem Reiseprospekt.

Wenn ein Walhai nicht erscheint, hat niemand versagt. Wenn Mantas weiterziehen oder Delfine nicht auftauchen, ist das keine schlechte Tauchbasis und kein misslungener Urlaub.

Die schönsten Begegnungen entstehen meistens genau dann, wenn man aufhört, sie erzwingen zu wollen.

Ich nehme weniger Ausrüstung mit – kenne sie dafür besser

Mit den Jahren wächst leicht die Versuchung, immer mehr Spezialausrüstung mitzunehmen.

Ich habe eher den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Heute ist mir wichtiger, dass ich meine Ausrüstung gut kenne, als möglichst viel davon zu besitzen.

Verlässlichkeit schlägt Neuheit.

Wenn ich Leihausrüstung nutze, schaue ich sie mir in Ruhe an. Wenn etwas ungewohnt wirkt, frage ich lieber einmal mehr nach.

Routine ersetzt Aufmerksamkeit nicht.

Erfahrung schützt nicht vor Selbstüberschätzung

Das ist wahrscheinlich die unangenehmste Erkenntnis.

Viele Fehler passieren nicht am Anfang einer Taucherlaufbahn.

Sie passieren später.

Dann, wenn man glaubt, bereits alles gesehen zu haben.

Ich habe selbst erlebt, wie leicht sich Gewohnheiten einschleichen. Man kennt den Ablauf, baut das Equipment fast automatisch zusammen und überspringt gedanklich einzelne Schritte.

Gerade deshalb versuche ich heute, jeden Tauchgang so zu beginnen, als hätte der vorherige nichts mit diesem zu tun.

Jeder Tauchplatz ist anders.

Zwei Taucher über einem bewachsenen Schiffswrack vor Mauritius
Ruhige Tarierung, Abstand und Aufmerksamkeit machen aus einem spektakulären Motiv einen kontrollierten Tauchgang. Foto: Sascha Tegtmeyer

Jeder Buddy ist anders.

Jeder Tag ist anders.

Nach dem Tauchgang beginnt für mich der eigentliche Lernprozess

Früher war ein Tauchgang oft vorbei, sobald die Ausrüstung verstaut war.

Heute frage ich mich danach regelmäßig:

  • Hat der Plan funktioniert?
  • War die Gruppeneinteilung sinnvoll?
  • Habe ich mich an irgendeiner Stelle unwohl gefühlt?
  • Was würde ich beim nächsten Mal anders machen?

Diese kurzen Gedanken bringen mir langfristig mehr als das bloße Sammeln weiterer Tauchgänge.

Erfahrung entsteht nicht automatisch durch Zeit im Wasser.

Sie entsteht dadurch, dass man das Erlebte ehrlich bewertet.

Was sich für mich wirklich verändert hat

Nach mehr als 20 Jahren Tauchen suche ich nicht mehr den spektakulärsten Tauchgang.

Ich suche den, der sich richtig anfühlt.

Ich vertraue heute weniger auf Abenteuerlust und mehr auf Vorbereitung.

Weniger auf Mut und mehr auf Urteilskraft.

Weniger auf Prestige und mehr auf gute Partner vor Ort.

Das macht das Tauchen vielleicht unspektakulärer.

Für mich macht es das Tauchen aber gleichzeitig entspannter, bewusster und am Ende oft sogar schöner.

Und wenn ich in diesen Jahren etwas wirklich gelernt habe, dann vielleicht genau das:

Erfahrung zeigt sich nicht darin, wie viele Tauchgänge jemand gemacht hat.

Sondern darin, welche Entscheidungen er heute trifft – besonders dann, wenn niemand zusieht.

Über Sascha Tegtmeyer

Über Sascha Tegtmeyer

Reisejournalist, Autor und Gründer von Just Wanderlust

Ich schreibe auf Just Wanderlust aus eigener Reiseerfahrung über Orte, Meer und Outdoor-Abenteuer. Mehr über mich und meine Arbeit.

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