Warum reisen? Meine ehrliche Antwort nach vielen Jahren unterwegs

by Sascha Tegtmeyer | Aug. 1, 2025

„Sascha, warum reist du eigentlich so viel?“ Auf diese Frage habe ich lange mit den üblichen Sätzen geantwortet: den Horizont erweitern, andere Kulturen kennenlernen, Abstand gewinnen. Das stimmt alles. Es ist nur nicht der Kern. Meine ehrlichste Antwort lautet: Ich reise, um das Leben deutlicher zu spüren – nicht nur in den schönen Momenten, sondern gerade dann, wenn ein Plan zerfällt, ich improvisieren muss und merke, dass ich selbst etwas lösen kann.

Reisen ist für mich weder moralisch höherwertig als ein gutes Leben zu Hause noch automatisch Persönlichkeitsentwicklung. Man kann weit fliegen und trotzdem wenig sehen. Man kann vor der eigenen Haustür neugierig bleiben. Ich brauche jedoch regelmäßig den Ortswechsel, die Reibung und einen Tag, dessen Ablauf nicht vollständig feststeht.

Das ist kein Plädoyer dafür, jede freie Woche maximal abenteuerlich zu gestalten. Urlaub darf Erholung sein. Reisen darf anstrengend sein. Beides hat seinen Wert. Meine Antwort erklärt nur, warum ich immer wieder losfahre.

Ich reise, weil der Alltag Wahrnehmung leise macht

Zu Hause funktionieren viele Abläufe automatisch. Dieselben Wege, dieselben Räume, dieselben kleinen Entscheidungen. Das ist angenehm und notwendig. Es macht mich aber bisweilen unaufmerksam.

An einem neuen Ort kann ich nicht alles auf Autopilot erledigen. Ich schaue genauer auf Fahrpläne, Wetter, Sprache, Abzweigungen und Menschen. Plötzlich fällt mir auf, wie Licht auf einer Hauswand steht oder warum ein Hafen morgens anders funktioniert als am Nachmittag.

Diese Aufmerksamkeit ist für mich die eigentliche Wirkung. Nicht der Stempel im Pass. Nicht die Zahl der Länder. Reisen unterbricht Gewohnheit, und in dieser Unterbrechung wird die Welt wieder lauter.

Sascha Tegtmeyer beim Wandern auf der kroatischen Insel Krk
Reisen macht mich aufmerksamer für Wege, Entscheidungen und die eigene Umgebung. Foto: Sascha Tegtmeyer

Ein Morgen auf den Malediven erklärt mehr als jede Definition

Ich stand früh auf einem SUP-Board in einer Lagune der Malediven. Das Wasser war klar, der Paddelschlag gab den Takt vor, und unter mir bewegten sich Riffhaie und eine große Meeresschildkröte.

Stand Up Paddling in einer klaren Lagune auf den Malediven
Auf dem SUP über einer Malediven-Lagune wurde aus Ortswechsel ein Moment voller Aufmerksamkeit. Foto: Sascha Tegtmeyer

Ich musste in diesem Moment nichts erreichen. Ich war wach, aufmerksam und genau dort, wo ich sein wollte. Das war keine abstrakte „Selbstfindung“. Es war eine konkrete körperliche Erfahrung aus Gleichgewicht, Wasser, Tierbeobachtung und dem Wissen, selbst dorthin gefahren zu sein.

Solche Momente sind selten planbar. Man kann eine Insel und ein Board buchen. Man kann keine Schildkröte für 7.15 Uhr bestellen. Gerade diese fehlende Garantie ist ein Teil des Reizes.

Thailand: Sonnenuntergang und das gemeinsame Innehalten

An Stränden in Thailand habe ich oft erlebt, wie Gespräche leiser wurden, sobald der Himmel am Abend die Farbe wechselte. Einheimische und Reisende blickten für ein paar Minuten in dieselbe Richtung.

Segelboote bei Sonnenuntergang vor Phuket in Thailand
An einem unbekannten Ort nehme ich selbst einen vertrauten Sonnenuntergang bewusster wahr. Foto: Sascha Tegtmeyer

Ein Sonnenuntergang ist kein exklusives Reiseerlebnis. Trotzdem verändert der unbekannte Ort meine Aufmerksamkeit. Zu Hause würde ich womöglich weiterarbeiten. Am Strand saß ich da und sah hin.

Das ist ein Muster, das ich von Reisen mitnehmen möchte: nicht mehr Höhepunkte sammeln, sondern häufiger bemerken, wenn etwas gerade geschieht.

Unter Wasser wird die Welt kleiner und größer zugleich

Beim Tauchen vor Mauritius wird der eigene Aktionsradius zunächst klein. Luftvorrat, Tiefe, Buddy und Bedingungen setzen klare Grenzen. Gleichzeitig öffnet sich ein Lebensraum, der von Land aus unsichtbar bleibt.

Taucher an einem Riff vor Mauritius
Beim Tauchen vor Mauritius reduzieren sich die Aufgaben auf Atem, Tiefe, Buddy und Umgebung. Foto: Sascha Tegtmeyer

Ich habe dort Schildkröten und viele andere Tiere erlebt. Nicht jede Begegnung war spektakulär. Das Schweben selbst, das Geräusch des Atemreglers und die Konzentration auf wenige Signale reichen häufig.

Unter Wasser kann ich nichts nebenbei tun. Vielleicht fühlt sich Tauchen deshalb so intensiv an. Es zwingt mich in die Gegenwart, ohne dass ich daraus eine Wellnessformel machen muss.

Ich reise auch, weil Dinge schiefgehen

Das klingt zunächst wie eine schlechte Begründung. Im Rückblick sind es aber oft die Pannen, die mir zeigen, wie ich unter Druck entscheide. Einige meiner Geschichten sind lustig geworden. Andere waren vor allem unnötig riskant.

Heftiger Regenschauer auf einer Thailand-Reise
Auf Reisen ändert das Wetter einen Plan manchmal innerhalb weniger Minuten. Foto: Sascha Tegtmeyer

Die langsamste Verfolgungsjagd meines Lebens

In Thailand musste ich morgens um fünf eine Fähre erreichen. Der bestellte Fahrer kam nicht. In der Ferne erschien ein kleines Tuk-Tuk, das sich mit einer Geschwindigkeit näherte, bei der ich gedanklich bereits selbst schob.

Ich hielt es an, es fuhr in die richtige Richtung, und damit begann eine sehr langsame Fahrt gegen die Uhr. Wir erreichten die Fähre in letzter Sekunde. Der Moment war banal und großartig zugleich: Plan A war weg, also baute ich aus dem, was gerade vorbeikam, Plan B.

Die S-Bahn zum Flughafen blieb stehen

Auf dem Weg zum Flughafen Hannover ging nichts mehr. Während andere auf Ersatzverkehr warteten, rief ich meinen Vater an. Er kam, sammelte mich ein und brachte mich rechtzeitig zum Terminal. Ich bin bis heute stolz darauf, keinen Flug verpasst zu haben. In diesem Fall war das weniger meine souveräne Reiseplanung als sehr praktische Familienhilfe.

Berglandschaft im PillerseeTal als Reiseerlebnis
Nicht nur Fernreisen, auch ein neuer Blick auf eine Alpenregion kann Gewohnheiten unterbrechen. Foto: Sascha Tegtmeyer

Durch den Boden des Baumhaus-Bungalows

Nach einer Segeltour trug ich Taschen und übrig gebliebenen Proviant auf die hölzerne Terrasse meines Bungalows. Ich wog damals um die 100 Kilogramm, auf der Schulter lagen zusätzliche Taschen. Der Boden gab nach. Ich stürzte durch die Bretter und riss mir das Bein an einer scharfkantigen Planke auf.

Baumhaus-Bungalow in Thailand mit hölzerner Terrasse
Durch den Boden dieses Bungalows stürzte ich mit Gepäck und verletzte mich am Bein. Foto: Sascha Tegtmeyer

Danach traf ich eine schlechte Entscheidung: Aus Sturheit und Misstrauen versorgte und nähte ich die tiefe Wunde selbst. Dass sie verheilte, macht das Vorgehen nicht vernünftig. Bei einer solchen Verletzung gehören Blutung, Fremdkörper, Nerven- und Sehnenschäden, Infektionsrisiko sowie Tetanusschutz medizinisch beurteilt. Bitte nicht nachmachen, sondern professionelle Hilfe holen.

Das Hotel entschuldigte sich und gab mir eine bessere Unterkunft. Die wertvolle Lektion war nicht, dass ein Fail am Ende zur Suite führt. Sie war: Abenteuer ist kein Freibrief für Selbstüberschätzung.

Den Haien hinterher und in die Brandung geraten

Vor einer kleinen Felseninsel in Thailand sah ich eine Strömung und vermutete dort Riffhaie. Ich sprang mit Schnorchelausrüstung ins Wasser und fand tatsächlich einige Tiere. Weil sie Abstand hielten, schwamm ich hinterher – weiter Richtung Strand, als vernünftig war.

Kleine Felseninsel vor Thailand mit Brandungszone
Vor dieser Insel verfolgte ich Riffhaie für ein Foto und unterschätzte anschließend die Brandung. Foto: Sascha Tegtmeyer

Die Brandung drückte mich auf scharfkantigen Kies. Arme, Beine und Oberkörper waren aufgeschürft. Ich rettete mich an Land, überquerte die Insel und machte die Bootscrew auf mich aufmerksam.

Auch diese Geschichte ist keine Heldentat. Ich hatte den Tieren nachgesetzt und die Brandung unterschätzt. Heute würde ich Abstand halten, die Bedingungen vor dem Einstieg prüfen und einen Schnorchelgang abbrechen, bevor aus einem Foto ein Rettungsproblem wird.

Selbstwirksamkeit entsteht nicht aus unnötigem Risiko

Aus den Pannen habe ich gelernt, dass ich handeln und Lösungen finden kann. Gleichzeitig wäre es Unsinn, dafür Probleme zu romantisieren. Gute Reiseplanung verhindert Schwierigkeiten, die keinerlei Erkenntniswert besitzen.

Selbstwirksamkeit bedeutet für mich heute nicht: „Ich komme aus jeder gefährlichen Lage allein heraus.“ Sie bedeutet: Ich erkenne eine Veränderung, hole Informationen ein, bitte um Hilfe, ändere den Plan und breche ab, wenn die Reserve fehlt.

Das ist weniger filmreif. Es ist wesentlich nützlicher.

Die wichtigsten Reisen tragen die Gesichter anderer Menschen

Viele Sehenswürdigkeiten verschwimmen nach Jahren. Gespräche bleiben.

Auf Zypern begegnete ich einem Tauchlehrer, dessen ruhige und zugleich tiefgründige Art mich beeindruckte. Auf den Malediven interviewte ich Herbert Nitsch, den Weltrekordhalter im Apnoetauchen. Seine Disziplin und sein Umgang mit Rückschlägen gaben mir mehr zu denken als jede Hotelkulisse.

Begegnung mit einer Seekuh bei Marsa Alam in Ägypten
Tierbegegnungen gehören zu meinen stärksten Reiseerinnerungen, lassen sich aber nicht bestellen. Foto: Sascha Tegtmeyer

Ein Resort-Manager auf den Malediven erklärte mir die alltägliche Logistik hinter dem Tourismus. Menschen im PillerseeTal zeigten mir eine Form von Gastfreundschaft und Gemeinschaft, die sich deutlich vom anonymen Großstadtalltag im Norden unterschied.

Sascha Tegtmeyer unterwegs in Miami
Neue Orte sind für mich vor allem eine Einladung, genauer zu beobachten und mit Menschen zu sprechen. Foto: Sascha Tegtmeyer

Solche Begegnungen erweitern meinen Blick nicht automatisch, nur weil sie im Ausland stattfinden. Ich muss fragen, zuhören und aushalten, dass eine Antwort meine eigene Vorstellung korrigiert. Genau dann wird aus Ortswechsel eine Reise.

Reisen und Urlaub sind für mich zwei verschiedene Bedürfnisse

Ich benutze beide Begriffe oft synonym, unterscheide sie für meine Planung aber nach dem Zweck.

ModusWas ich sucheWas schiefgehen kann
UrlaubRuhe, Erholung, wenig EntscheidungenIch erwarte von einer Woche, alle Erschöpfung zu reparieren
ReiseEntdeckung, Bewegung, neue ZusammenhängeIch überlade jeden Tag und verwechsle Stress mit Abenteuer
Kombinationeinige aktive Tage, einige freie TageIch lasse weder dem einen noch dem anderen genug Raum

Urlaub ist nicht die weniger wertvolle Variante. Manchmal brauche ich ein Hotel, ein gutes Essen und einen Tag ohne Plan. Manchmal möchte ich früh aufstehen, weiterfahren und nicht wissen, wie der Abend aussieht.

Die richtige Wahl hängt nicht vom Selbstbild ab, sondern vom Zustand. Wer erschöpft ist, braucht womöglich weniger Heldenreise und mehr Schlaf.

Entspannter Urlaubstag am Wasser als Gegenpol zur Rundreise
Urlaub und Reise erfüllen unterschiedliche Bedürfnisse – Erholung ist nicht weniger wertvoll als Entdeckung. Foto: Sascha Tegtmeyer

Reisen ist keine Fluchtlösung

Ein neuer Ort kann Abstand schaffen. Er löst keine Beziehung, keine Krankheit, keine finanzielle Sorge und keinen dauerhaft unerträglichen Alltag. Manche Probleme reisen im Handgepäck mit und sitzen im Hotelzimmer wieder neben dir.

Ich reise gern, aber ich möchte kein Leben bauen, aus dem ich ständig fliehen muss. Die stärkste Reise ist für mich eine, nach der ich mit mehr Aufmerksamkeit zurückkomme – nicht eine, die zu Hause alles noch grauer erscheinen lässt.

Was ich nach Hause mitnehme

Nicht jedes Erlebnis verändert mein Leben. Oft bleibt eine kleine Handlungsregel:

  • früher nach dem Transfer fragen,
  • Tiere nicht für ein Foto verfolgen,
  • bei Verletzungen Hilfe holen,
  • eine neue Umgebung nicht mit fehlenden Grenzen verwechseln,
  • und Menschen vor Ort nicht nur als Dienstleister betrachten.

Manchmal bleibt lediglich ein Bild. Ein SUP auf klarem Wasser. Ein sehr langsames Tuk-Tuk. Eine Fähre, die doch noch erreicht wird. Das reicht.

Fazit: Ich reise, um aufmerksamer zurückzukommen

Die kurze Antwort „um das Leben zu spüren“ gilt für mich weiterhin. Heute würde ich sie ergänzen: Ich reise, um meine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen, mich an Veränderungen anzupassen und den eigenen Blick von anderen Menschen korrigieren zu lassen.

Das kann am anderen Ende der Welt passieren. Es kann auf einer kleinen Tour in Deutschland passieren. Entfernung ist kein Qualitätsmaßstab.

Ich werde trotzdem weiter in Flugzeuge, Züge, Autos und Boote steigen. Nicht weil unterwegs alles besser wäre. Sondern weil die Welt größer wird, sobald ich meinen vertrauten Ablauf verlasse – und weil ich danach oft genauer sehe, was zu Hause bereits da war.

Was ist deine ehrliche Antwort: Reist du eher für Ruhe, für Begegnungen, für das Unbekannte oder für den Moment, in dem du einen schwierigen Plan selbst neu bauen musst?

Über Sascha Tegtmeyer

Über Sascha Tegtmeyer

Reisejournalist, Autor und Gründer von Just Wanderlust

Ich schreibe auf Just Wanderlust aus eigener Reiseerfahrung über Orte, Meer und Outdoor-Abenteuer. Mehr über mich und meine Arbeit.

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