Herbert Nitsch im Interview: Rekorde, Unfall und Comeback

by Sascha Tegtmeyer | Feb. 12, 2019

Herbert Nitsch hat sich mit einem Atemzug bis auf 253 Meter Tiefe hinabbewegt. Ich habe den österreichischen Freediver auf den Malediven getroffen und mit ihm über seine 33 Weltrekorde, den schweren Tauchunfall von 2012, seine ungewöhnlichen Trainingsideen und den Meeresschutz gesprochen. Das folgende Originalinterview erschien erstmals 2019; vorangestellt ist ein Faktencheck mit dem Stand vom 26. Juli 2026.

Transparenz: Das Treffen auf Coco Bodu Hithi fand im Rahmen einer Pressereise statt. Die Einladung beeinflusst meine Einordnung nicht. Offensichtliche Tippfehler im historischen Interview wurden behutsam korrigiert; Inhalt, Positionen und Aussage der Antworten bleiben erhalten.

Die Szene ist mir bis heute präsent: Herbert steht am Strand von Coco Bodu Hithi, hinter ihm leuchtet die Lagune der Malediven fast unwirklich türkis. Im Gespräch wirkt er ruhig, analytisch und sehr viel weniger pathetisch, als der Medientitel „tiefster Mensch der Welt“ vermuten lässt. Später nehme ich an seinem Workshop teil und merke bereits bei einfachen Übungen, wie stark Entspannung, Technik und ein verlässlicher Partner beim Luftanhalten zusammenhängen.

Das Interview ist deshalb mehr als eine Rekordgeschichte. Es dokumentiert, wie ein ehemaliger Airline-Pilot Risiken zerlegt, Grenzen verschiebt und nach einer lebensbedrohlichen Dekompressionskrankheit neu anfangen muss. Einige Aussagen spiegeln den Wissens- und Gesprächsstand von 2019 wider; wo heute Kontext nötig ist, steht er deutlich außerhalb von Nitschs Antworten.

Herbert Nitsch im Interview: Das Wichtigste vorab

FrageBelastbarer Stand 2026
Wer ist Herbert Nitsch?Österreichischer Freediver, ehemaliger Airline-Pilot und 33-facher Weltrekordhalter
Wie tief tauchte er?253 Meter im No-Limit-Freediving am 6. Juni 2012 vor Santorin
Ist das ein offizieller Rekord?Guinness führt 253 Meter als tiefsten No-Limit-Freedive eines Mannes; World Apnea führt in seiner Verbandshistorie Nitschs 214-Meter-Rekord von 2007
Warum zwei Zahlen?Der 253-Meter-Tauchgang wurde nicht als AIDA-Verbandsrekord geführt, ist aber von Guinness anerkannt
Was geschah nach dem Tauchgang?Nitsch erlitt eine schwere Dekompressionskrankheit und durchlief eine lange Rehabilitation
Was macht er heute?Er arbeitet laut eigener Website unter anderem als Vortragsredner, Autor und Meeresschützer

Die Rekordangaben brauchen diese Trennung. Guinness World Records nennt 253 Meter und den 6. Juni 2012 als Rekorddatum. Die offizielle No-Limit-Historie von World Apnea, dem 2026 umbenannten AIDA-Verband, endet bei Nitschs 214 Metern aus dem Jahr 2007. Seine eigene Rekordübersicht weist entsprechend 32 Verbandsrekorde plus den 253-Meter-Guinness-Rekord und einen Skandalopetra-Rekord aus.

No Limit ist die extremste Tiefendisziplin des Freedivings: Ein beschwerter Schlitten bringt den Taucher hinab, ein Auftriebssystem zurück nach oben. Der heute World Apnea genannte Verband sanktioniert die Disziplin nicht mehr. Die 253 Meter sind daher keine alltagstaugliche Zielmarke, sondern ein singulärer Extremtauchgang mit schwersten Folgen.

Herbert Nitsch taucht mit Monoflosse im offenen Wasser der Malediven
Herbert Nitsch beim Freediving im offenen Wasser der Malediven. Foto: Sascha Tegtmeyer

Sicherheitshinweis: Freediving birgt ein reales Blackout-Risiko. Atemübungen im Wasser niemals allein, ohne Hyperventilation und nur unter direkter Aufsicht eines dafür ausgebildeten Buddys durchführen. Ein Rettungsschwimmer am Beckenrand ersetzt diese Eins-zu-eins-Sicherung nicht. Für Einsteiger ist ein Kurs bei einer anerkannten Ausbildungsorganisation der richtige Start.

Divers Alert Network: Freediving Safety

Das Originalinterview mit Herbert Nitsch

Die folgenden Fragen und Antworten stammen aus unserem Gespräch auf den Malediven und wurden erstmals am 12. Februar 2019 veröffentlicht. Die Antworten sind historische Originalaussagen und keine Trainings- oder medizinische Anleitung.

Apnoetauchen: Was genau ist das eigentlich? Ab wann ist man nicht mehr Schnorchler, sondern Freediver?

Herbert Nitsch: Apnoetauchen ist Tauchen mit nur einem Atemzug. Sobald man die Wasseroberfläche verlässt und luftanhaltend in die Tiefe taucht, ist man Freediver.

Was macht für dich die Faszination dieses Sports aus und warum würdest du das Apnoetauchen dem Gerätetauchen vorziehen?

Herbert Nitsch: Viele Leute glauben, als Freitaucher hat man viel weniger Möglichkeiten als ein Flaschentaucher. Das ist ein Irrtum. Ich kann als Apnoetaucher pro Tag so oft ich will nach unten tauchen – und man darf nicht vergessen, dass jeder Fisch unter Wasser die Geräusche der Pressluftflasche hört. Insofern trifft man beim Gerätetauchen nur die Lebewesen, die grundsätzlich nicht scheu sind. Sprich: Als Taucher bekommt man nur einen Bruchteil von dem mit, was vor sich geht. Das ist beim Freediving ein riesiger Unterschied.

Als Apnoetaucher ist man unter Wasser auch viel agiler. Man kann sich bewegen und fühlt richtiggehend die drei Dimensionen. Freitauchen ist auch weniger gefährlich als Gerätetauchen. Der eigene Körper versagt ja viel seltener als irgendein Gerät. Ich verstehe nicht, wie sich jemand blind auf sein Equipment verlassen kann. Selbst wenn du als Freediver eine Taucherflasche dabeihast, gibt es immer noch ein Backup-System: Die eigene Luft gibt mir einen Zeitpuffer, den die Gerätetaucher nicht haben. Und jeder kann das. Man kann binnen einer Woche die Zeit, wie lange man die Luft unter Wasser anhalten kann, verdoppeln oder sogar verdreifachen.

Redaktionelle Einordnung 2026: Die Risikobewertung und die Trainingssteigerung sind Nitschs persönliche Aussagen aus dem damaligen Gespräch, keine allgemeine Sicherheitsfreigabe. Hypoxie und Blackout können auch trainierte Menschen treffen. Grenzen sollten weder allein noch durch unbegleitete Selbstversuche im Pool getestet werden.

Du bist durch einen Zufall zum Apnoetauchen gekommen. Wie war das?

Herbert Nitsch: Ich war mit Egypt Air auf Tauchsafari und die Airline hat mein Gepäck verloren. Im Gepäck war mein ganzes Gerätetauchzeug. Ich war dann eine Woche vor Ort schnorcheln und habe dabei unwissentlich fürs Apnoetauchen trainiert, ohne zu wissen, dass es diesen Sport gibt.

Einem Freund meines Vaters ist dann aufgefallen, wie lange ich unten bleiben kann. Er war ganz fasziniert und hat versucht, mich zu überreden, einen österreichischen Rekord zu machen. Für mich war die Frage: Was bitte ist Freitauchen? Für mich war das Schnorcheln. Er hat mir erklärt, dass es Schnorcheln auf Tiefe sei und der damalige österreichische Rekord bei 34 Metern lag. Gerade einmal zwei Meter mehr, als ich im Urlaub zum Spaß getaucht bin. Im Endeffekt habe ich ein Jahr später bei einem internationalen Wettkampf gleich meinen ersten Apnoetauch-Rekord aufgestellt.

Herbert Nitsch leitet einen Freediving-Workshop im Pool auf den Malediven
Technik statt Rekordjagd: Herbert Nitsch leitet einen Freediving-Workshop im Pool. Foto: Jeanette Woldman

Welchen Einfluss hatte dein ehemaliger Beruf als Pilot auf deine Tauchkarriere?

Herbert Nitsch: Früher bin ich als Pilot für eine österreichische Fluggesellschaft geflogen. In diesem Beruf wird dir eingebläut, analytisch zu denken und immer einen Ausweg zu haben. Im entscheidenden Moment darf man nicht mehr überlegen, sondern muss den Plan sofort abrufen. Ähnlich ist es beim Apnoetauchen. Da habe ich versucht, alles vorher mental durchzugehen: das Rausfahren mit dem Boot, das Anziehen des Anzugs, das Tauchen und das Auftauchen. Ist man das im Kopf schon durchgegangen, ist man nicht mehr so aufgeregt.

Weil ich in einem Binnenstaat lebte und Vollzeit als Pilot arbeitete, hatte ich nie den Luxus, so viel im Meer zu trainieren, wie meine Freitauch-Konkurrenten es taten. Aber ich hatte die Zeit, eine Menge darüber nachzudenken und dadurch eigene Techniken und Geräte zu entwickeln, die auf Effizienz und Effektivität ausgerichtet sind. Ich wurde wegen meiner umstrittenen Mittel und Methoden anfangs oft belächelt, aber mein Erfolg sprach für sich.

Du hast gleich eine ganze Reihe von Rekorden gebrochen. Welcher Rekord war für dich der wichtigste?

Herbert Nitsch: Keiner. Alle Rekorde waren nur für mich, um zu sehen, wie weit ich meine eigenen Limits steigern konnte. Ich war immer neugierig, wie weit es geht und wie das Spiel zwischen Körper und Geist optimal funktioniert. Man lernt die Körpermechanismen zu verstehen, zu verbessern und zu manipulieren. Das hat mich immer fasziniert.

„Jedes Mal, wenn ich denke, ich habe ein Limit erreicht, gibt es eine Tür. Sie öffnet sich – und das Limit ist weg.“

Herbert Nitsch

Da gibt es keine absolute Grenze, aber je tiefer du gehst, desto mehr Risiken gibt es.

Herbert Nitsch sitzt mit Teilnehmern eines Atemworkshops am Strand der Malediven
Entspannung und innere Ruhe waren zentrale Themen des Workshops am Strand. Foto: Sascha Tegtmeyer

Der 253-Meter-Tauchgang und der schwere Unfall

Hinweis: Die folgenden Antworten schildern Nitschs persönliche Erinnerung an einen Extremtauchgang. Sie ersetzen keine tauchmedizinische Erklärung und sind ausdrücklich keine Anleitung für Dekompressionsverfahren.

2012 hat dich bei einem Rekordversuch ein Tauchunfall ereilt. Was ist passiert und wie hat das dein Leben verändert?

Herbert Nitsch: Nach Erreichen der geplanten Endtiefe von 253 Metern bin ich zwischen 80 und 24 Metern vor Erreichen der Oberfläche eingeschlafen. Klingt komisch, ich weiß. Aber bei so einem Tauchgang muss man superentspannt sein. Diese Entspanntheit, gepaart mit dem Tiefenrausch, hat dazu geführt, dass ich einschlief und den geplanten Deko-Stopp von einer Minute auf zehn Metern nicht machen konnte. Dabei verweilt man in einer bestimmten Tiefe, damit sich die Gase, die sich wegen des Drucks vermehrt im Blut und Gewebe gebildet haben, wieder entsättigen können – so verhindert man die Dekompressionskrankheit.

Was ist dann passiert?

Herbert Nitsch: Der Schlitten zog mich weiter hoch und 24 Meter unter der Oberfläche holten mich die Sicherheitstaucher. Ich wachte sofort auf, doch sie brachten mich trotzdem ohne Deko-Stopp an die Oberfläche. Ich wusste, ich muss schnell wieder runter, um den Deko-Stopp nachzuholen. Aber die katastrophalen Folgen, die etwa 15 Minuten nach dem ersten Auftauchen eintraten, waren trotzdem nicht mehr gänzlich zu verhindern.

Wie war die Rettungskette?

Herbert Nitsch: Ich wurde von Santorin nach Athen geflogen. Die haben dort im Krankenhaus aber den Fehler gemacht, mich zuerst stundenlang zu untersuchen, bevor ich in die Druckkammer kam.

Neue Aufgaben, Autobiografie und Meeresschutz

Heute bist du wieder als Freediver unterwegs. Wie sieht dein Tagesablauf aus, womit verdienst du deinen Lebensunterhalt und was ist geplant?

Herbert Nitsch: Gelegentlich werde ich für Vorträge für verschiedene Firmen und Interessengruppen eingeladen. Ich bin momentan auch mit meiner Autobiografie und mit dem Entwurf meines Eco-Boots beschäftigt.

Herbert Nitsch hält am Abend einen Vortrag auf Coco Bodu Hithi
Am Abend sprach Herbert Nitsch auf Coco Bodu Hithi über Freediving, Rekorde und seinen Unfall. Foto: Sascha Tegtmeyer

Update 2026: Die damals angekündigte Autobiografie ist inzwischen unter dem Titel „Breathing Is Overrated“ in englischer und deutscher Sprache erhältlich. Seine offizielle Website nennt ihn weiterhin als Vortragsredner und Meeresschützer. Zum aktuellen Stand des im Interview erwähnten Eco-Boots liegt dort keine belastbare Projektchronik vor; deshalb leite ich aus der damaligen Ankündigung keinen heutigen Fertigstellungsstand ab.

Du engagierst dich bei Sea Shepherd. Wie kam es dazu und welche Ziele verfolgst du im Meeresschutz?

Herbert Nitsch: Als Freitaucher habe ich aus erster Hand beobachtet, in welch schlechtem Zustand unsere Meere und ihre Bewohner sind und wie sie behandelt werden. Man sieht, wie der Mensch die Meere wie einen Mülleimer betrachtet und sie leer fischt. Am schönsten Ort am Ende der Welt sieht man Abfall. Das ist Wahnsinn. Deshalb ist es mir ein wichtiges Anliegen, Mitglied des Advisory Boards der Sea Shepherd Conservation Society zu sein.

Wie sieht dein Engagement aus?

Herbert Nitsch: Sea Shepherd ist mit seinen Booten teilweise sehr radikal. Ich unterstütze die Organisation primär durch Vorträge, aber nicht aktiv auf einem Schiff. Ich mache Menschen auf die Problematik aufmerksam.

Herbert Nitsch spricht mit Meeresbiologin Sonia Valladares auf den Malediven
Herbert Nitsch im Gespräch mit der Meeresbiologin Sonia Valladares, die ich ebenfalls zum Zustand der Meere interviewt habe. Foto: Sascha Tegtmeyer

Was ich aus der Begegnung mit Herbert Nitsch mitgenommen habe

Ich habe ungefähr eine Woche mit Herbert auf Coco Bodu Hithi verbracht, an seinem Workshop teilgenommen und ihn nicht nur für dieses Interview erlebt. Beeindruckt hat mich weniger die nackte Zahl von 253 Metern als seine Art, komplexe Abläufe gedanklich in kleine, kontrollierbare Schritte zu zerlegen. Gleichzeitig zeigt sein Unfall, dass minutiöse Planung das Restrisiko eines Extremsports nicht verschwinden lässt.

Für Einsteiger liegt der Wert des Freedivings ohnehin nicht in Rekorden. Ein ruhiger Duck Dive, ein bewusster Blick unter die Oberfläche und die lautlose Nähe zu Fischen können bereits reichen. Wer das selbst lernen möchte, sollte mit einem qualifizierten Kurs beginnen; mein Ratgeber zum sicheren Schnorcheln im Urlaub bleibt bewusst bei deutlich moderateren Unterwasser-Erlebnissen.

Quellen und Aktualisierungsstand

Den aktuellen Rekordstatus habe ich am 26. Juli 2026 mit Guinness World Records, der No-Limit-Historie von World Apnea und Herbert Nitschs offizieller Biografie abgeglichen. Die Sicherheitseinordnung folgt den Empfehlungen des Divers Alert Network. Aussagen innerhalb des Interviews bleiben als historische Primärquelle erkennbar und werden nicht nachträglich als aktuelle Verbands- oder Medizinposition ausgegeben.

Mein Fazit zum Herbert-Nitsch-Interview

Herbert Nitschs Geschichte ist weder eine schlichte Heldenerzählung noch eine Warnung, jede Grenze unangetastet zu lassen. Sie handelt von Neugier, technischer Erfindungskraft, einem außergewöhnlichen Rekord und dem Preis, den ein einziger Tauchgang fordern kann. Gerade die Widersprüche machen das Gespräch auch Jahre später lesenswert.

Ich danke Herbert Nitsch für seine Offenheit und die gemeinsamen Tage auf den Malediven. Mehr Eindrücke von der Insel und ihrem Hausriff findest du in meinem Malediven-Reisebericht. Was beschäftigt dich an seiner Geschichte am meisten: die 253 Meter, seine analytische Vorbereitung oder der lange Weg zurück nach dem Unfall?

Über Sascha Tegtmeyer

Über Sascha Tegtmeyer

Reisejournalist, Autor und Gründer von Just Wanderlust

Ich schreibe auf Just Wanderlust aus eigener Reiseerfahrung über Orte, Meer und Outdoor-Abenteuer. Mehr über mich und meine Arbeit.

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