Wanderlust – wie mir die Reiselust das Wandern beibrachte

by Sascha Tegtmeyer | Aug. 29, 2025

Als ich Just Wanderlust am 1. Juli 2016 gründete, bedeutete Wanderlust für mich vor allem Fernweh: raus, weit weg, möglichst viel sehen. Mit Wandern hatte der Name fast nichts zu tun. Heute gehören Wandern, SUP und Trailrunning fest zu meiner Art zu reisen – nicht weil Auto, Roller oder Boot plötzlich falsch wären, sondern weil ich gelernt habe, wann Tempo Reichweite bringt und wann Langsamkeit den besseren Blick öffnet.

Die Wortgeschichte und die verschiedenen Bedeutungen von Wanderlust erkläre ich in einem eigenen Beitrag. Hier geht es um etwas Persönlicheres: Ein Blogname war zuerst da. Die Lebensweise wuchs über Jahre langsam hinterher.

Der Name kam vor dem Wandern

Ich war lange der klassische Mietwagen- und Motorroller-Typ. Ankommen, Fahrzeug übernehmen, Karte öffnen, los. Auf Reisen wollte ich beweglich sein, viele Orte erreichen und jederzeit weiterfahren können. Wandern verband ich mit schwerer Ausrüstung, langen Anstiegen und einer Freizeitkultur, die mich schlicht nicht reizte.

Sascha Tegtmeyer mit Motorroller auf einer Reise in Südostasien
Früher organisierte ich Reisen fast ausschließlich über Reichweite: Mietwagen, Motorroller, weiter zum nächsten Ort. Foto: Sascha Tegtmeyer

Das war kein Mangel an Abenteuerlust. Im Gegenteil. Tauchen, Roadtrips und Rollertouren durch Thailand passten perfekt zu meinem Bild vom Unterwegssein. Nur das langsame Gehen kam in diesem Bild kaum vor.

Der Denkfehler lag nicht im Mietwagen. Der ist ein hervorragendes Werkzeug, wenn eine Insel groß ist, die Zeit knapp oder ein Ziel anders kaum erreichbar ist. Der Denkfehler war die feste Rolle: Ich bin eben der Fahrer, nicht der Wanderer. Solche Etiketten wirken harmlos. Sie sortieren aber Möglichkeiten aus, bevor man sie überhaupt ausprobiert hat.

Die Veränderung hatte keinen filmreifen Wendepunkt

Ich kann keinen einzelnen Moment benennen, in dem ich plötzlich das Wandern verstand. Es gab nicht den einen Ort, an dem sich meine Art zu reisen mit einem Schlag veränderte. So sauber erzählt das Leben selten.

Was ich belegen kann, ist unspektakulärer und deshalb ehrlicher: Ich war auf Madeira, Sardinien und Krk wandern. Ich ging immer häufiger dort weiter, wo das Fahrzeug stehen blieb oder für den nächsten Abschnitt schlicht nicht das richtige Mittel war. Aus einzelnen Wegen wurde langsam eine Gewohnheit.

Wandern mit Rucksack in der Berglandschaft Sardiniens
Auf Sardinien gehörten Wege zu Fuß zunehmend selbstverständlich zu meiner Art, eine Region zu erkunden. Foto: Sascha Tegtmeyer

Beim Gehen schrumpfte mein Radius. Gleichzeitig wurde der Ausschnitt genauer. Eine Straße verbindet Punkte. Ein Weg zeigt den Raum dazwischen: Untergrund, Steigung, Abzweigungen, Wind, Geräusche und die Frage, ob man wirklich noch weiter möchte. Das klingt banal. Für jemanden, der Reisen lange stark über Reichweite organisiert hat, war es eine echte Verschiebung.

Küstenwanderweg über hellem Fels und klarem Wasser auf Krk
Auf Krk zeigte mir der Weg die Küste zwischen den mit dem Auto erreichbaren Punkten. Foto: Sascha Tegtmeyer

Ich habe den Mietwagen deshalb nicht abgeschafft. Ich bin nur häufiger ausgestiegen. Wanderlust bedeutete für mich nicht mehr ausschließlich, möglichst weit zu kommen. Sie wurde zur Lust, einen Ort aktiv zu untersuchen.

Drei Bewegungsformen, drei verschiedene Arten zu sehen

Wandern, SUP und Trailrunning sind für mich keine austauschbaren Varianten desselben Sports. Sie verändern den Blick auf unterschiedliche Weise.

Wandern reduziert das Tempo und erhöht die Auflösung

Beim Wandern kann ich nicht jeden Eindruck mit einem kurzen Blick durch die Seitenscheibe erledigen. Ich muss mit Steigung, Weglänge und Untergrund arbeiten. Auf Madeira, Sardinien und Krk habe ich erlebt, wie stark sich eine Landschaft verändert, sobald ich sie nicht nur als Folge von Stopps betrachte.

Langsamkeit macht einen Ort nicht automatisch tiefer oder besser. Man kann auch achtlos wandern. Aber Gehen schafft Zeit für Korrekturen: Eine Strecke sieht auf der Karte leicht aus und fühlt sich anders an. Ein Ziel wirkt aus der Entfernung reizvoll und verliert unterwegs an Bedeutung. Diese Reibung gehört zur Erfahrung.

SUP verlegt die Erkundung aufs Wasser

Auf den Malediven und beim SUP auf Phuket habe ich das Board nicht nur als Sportgerät genutzt. Es war mein langsames Verkehrsmittel für Lagunen und Küstenabschnitte. Ohne Motor, nah an der Wasseroberfläche, mit einer Reichweite, die groß genug für Entdeckung und klein genug für Aufmerksamkeit war.

Stand Up Paddling in einer türkisfarbenen Lagune auf den Malediven
Auf den Malediven wurde das SUP für mich zum langsamen Verkehrsmittel in der Lagune. Foto: Sascha Tegtmeyer

Die Grenze ist klar: SUP funktioniert nur, wenn Wetter, Revier, Können und Sicherheitsausrüstung zusammenpassen. Das Wasser wird nicht harmlos, nur weil die Bewegung ruhig aussieht. Passen die Bedingungen nicht, bleibe ich an Land. Punkt.

Trailrunning verbindet Tempo mit Aufmerksamkeit

Beim Trailrunning will ich Strecke machen und trotzdem im Gelände bleiben. Das ist für mich der Gegenentwurf zur Behauptung, bewusstes Reisen müsse immer langsam aussehen. Auf einem Trail kann ich schneller sein als beim Wandern und muss gleichzeitig genauer auf jeden Schritt achten.

Trailrunning auf einem felsigen Pfad durch mediterrane Vegetation
Beim Trailrunning verbinde ich mehr Reichweite mit der Aufmerksamkeit, die unbekanntes Gelände verlangt. Foto: Sascha Tegtmeyer

Gerade auf unbekannten Wegen ist das kein Rennen gegen eine Bestzeit. Route, Untergrund und Kräfte setzen die Grenzen. Trailrunning zeigt mir einen größeren Ausschnitt als eine Wanderung im selben Zeitraum, aber viel unmittelbarer als eine Fahrt. Für manche Tage ist genau diese Mischung richtig.

Wandern ist kein Heilmittel und kein moralischer Aufstieg

Die hübsche Erzählung wäre: Früher raste ich, heute bin ich angekommen. Sie stimmt nur nicht. Ich bin noch immer gern schnell unterwegs. Ich kann ungeduldig sein, zu viel in einen Tag packen und einen Ort gedanklich schon verlassen, während ich noch dort stehe.

Wandern löst das nicht automatisch. Es kann langweilen, überfordern, wehtun oder bei falscher Planung gefährlich werden. Nicht jeder Körper kann dieselben Wege gehen. Nicht jede Reise bietet sichere Trails, ruhiges Wasser oder genug Zeit. Und niemand reist schlechter, nur weil ein Rollstuhl, ein Auto, ein Transfer oder ein bequemer Strandtag die passende Form ist.

Die Veränderung liegt für mich deshalb nicht in einer Rangliste der Verkehrsmittel. Sie liegt in der Frage: Welche Bewegung hilft mir heute, diesen Ort sinnvoll zu erfahren?

Ein praktischer Einstieg, wenn klassisches Wandern dich nicht reizt

Du musst nicht mit einer Tagestour, neuen Stiefeln und einem Gipfelziel anfangen. Nimm eine Bewegungsform, die an etwas anknüpft, das du ohnehin magst.

Wenn du …Versuch es mit …Ehrliche Grenze
Küsten und Aussichtspunkte liebsteinem kurzen, offiziell ausgewiesenen Weg mit klarem UmkehrpunktRoute, Wetter und Absturzgefahr vorher prüfen
lieber auf dem Wasser bisteiner geführten SUP-Einheit in einem geeigneten Reviernur mit passendem Können, Wetter und Sicherheitsausrüstung
Bewegung und Tempo brauchsteiner kurzen, technisch leichten Trailrunning-Rundeunbekanntes Gelände nicht mit Ehrgeiz kompensieren
viel sehen willst oder wenig Zeit hastMietwagen oder Roller plus einzelne bewusste Fußwegesicher parken, Zugänge und lokale Regeln respektieren
in deiner Mobilität eingeschränkt bistbarrierearmen Wegen, Aussichtspunkten und passenden TransfersZugänglichkeit vorab konkret prüfen, nicht vermuten

Mein Einstieg war keine Disziplinprüfung. Ich habe Fahrzeuge weiter genutzt und die Wege dazugenommen. Diese Kombination nimmt dem Wandern das ganze Identitätstheater. Du musst kein Wanderer werden. Du kannst einfach öfter gehen.

Wanderer auf einem felsigen Küstenweg der Insel Krk
Der Einstieg muss keine Tagestour sein: Ein interessanter, überschaubarer Weg reicht, um das Gehen anders zu erleben. Foto: Sascha Tegtmeyer

Für einen ersten Versuch reichen ein Ort, der dich wirklich interessiert, eine realistische Strecke, Wasser, Wetterschutz und ein fester Zeitpunkt zum Umkehren. In alpinem oder abgelegenem Gelände reicht diese einfache Formel nicht; dort gehören belastbare Tourenplanung, passende Ausrüstung und gegebenenfalls lokale Führung dazu.

Verkehrsmittel sind Werkzeuge, keine Identität

Ich miete weiterhin Autos, fahre Motorroller, nehme Boote und Züge. Auf Krk war der Mietwagen ebenso Teil meiner Reise wie die Wege zu Fuß. Das eine hebt das andere nicht auf.

Mietwagen auf einer Straße durch die Landschaft der Insel Krk
Der Mietwagen bleibt für mich ein Werkzeug – ich steige heute nur häufiger aus und gehe zu Fuß weiter. Foto: Sascha Tegtmeyer

Heute ordne ich die Mittel eher nach ihrer Funktion:

  • Reichweite: Ein Mietwagen verbindet weit auseinanderliegende Orte und schafft Flexibilität.
  • Übergänge: Zu Fuß erkenne ich, was zwischen Parkplatz und Ziel liegt.
  • Wasserperspektive: Ein SUP erschließt bei sicheren Bedingungen einen anderen Raum als Straße oder Weg.
  • Intensität: Trailrunning verbindet Gelände, Tempo und körperliche Konzentration.

Die beste Lösung kann aus mehreren Teilen bestehen: fahren, aussteigen, gehen, später weiterfahren. Das ist weniger elegant als die große Erzählung vom geläuterten Wanderer. Dafür funktioniert es.

Wer sich für langsameres und antizyklisches Reisen interessiert, findet in meinem Beitrag über Urlaub in der Nebensaison weitere praktische Überlegungen. Langsamer zu reisen heißt dabei nicht zwingend, auf Komfort zu verzichten. Es heißt zuerst, Tempo und Ablauf bewusst zu wählen.

Was Wanderlust für mich heute bedeutet

Früher war Wanderlust vor allem der Zug in die Ferne. Heute ist sie aktiver geworden. Ich will einen Ort nicht nur erreichen, sondern mich in ihm bewegen: gehend, laufend, paddelnd oder mit einem Fahrzeug, wenn das die vernünftige Wahl ist.

Der Blogname war damit zuerst ein Versprechen, das ich selbst noch nicht ganz verstanden hatte. Zehn Jahre nach dem Start passt er besser zu meinem Leben als am Gründungstag. Nicht weil ich zum puristischen Wanderer geworden bin. Sondern weil ich aufgehört habe, Reichweite und Tiefe gegeneinander auszuspielen.

Wenn du Wandern bisher langweilig findest, musst du dich nicht bekehren lassen. Such dir eine Form von Bewegung, die zu deiner Neugier, deinem Körper und dem Ort passt. Wanderlust braucht keine Uniform. Sie braucht nur die Bereitschaft, gelegentlich auszusteigen und weiterzugehen.

Über Sascha Tegtmeyer

Über Sascha Tegtmeyer

Reisejournalist, Autor und Gründer von Just Wanderlust

Ich schreibe auf Just Wanderlust aus eigener Reiseerfahrung über Orte, Meer und Outdoor-Abenteuer. Mehr über mich und meine Arbeit.

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