Falsche Entscheidungen bereuen: Was mir eine abgesagte Reise beigebracht hat

by Sascha Tegtmeyer | Juni 10, 2021

Nach meinem Masterstudium wollte ich ein bis zwei Monate nach Kalifornien. Ein günstiges Apartment in Los Angeles war gebucht, der Flug herausgesucht, die Abreise ungefähr zwei Monate entfernt. Dann kam die Zusage für meinen ersten richtigen Job. Ich entschied mich für den vermeintlich vernünftigen Weg, sagte die Reise ab – und bereute diese Entscheidung jahrelang.

Heute würde ich daraus keine allgemeine Regel ableiten. Nicht jeder Job sollte für eine Reise aufgegeben werden. Nicht jede ausgelassene Reise ist ein Lebensfehler. Und eine mutige Entscheidung ist nicht automatisch eine gute.

Was ich gelernt habe, ist enger und hilfreicher: Reue zeigt manchmal, dass eine Entscheidung einen wichtigen eigenen Wert übergangen hat. Sie beweist nicht, dass die andere Möglichkeit perfekt geworden wäre.

Kalifornien gegen den ersten Job

Die Ausgangslage war konkret. Ich wollte nach dem Studium nicht sofort in den nächsten festen Ablauf wechseln. Ich wollte einen Mietwagen nehmen, Kalifornien sehen, Land und Leute kennenlernen und nach Jahren an der Universität für eine Weile ohne Stundenplan unterwegs sein.

Dann lag das Jobangebot auf dem Tisch.

Ich dachte an Lebenslauf, Sicherheit und den erwartbaren nächsten Schritt. Der Roadtrip wirkte plötzlich wie etwas, das man später ebenso gut machen könnte. Der Job gewann, weil er zeitkritischer erschien. Die Reise verlor, weil sie verschiebbar aussah.

Genau darin lag mein Irrtum. Eine Reise lässt sich zeitlich verschieben. Die Lebensphase lässt sich nicht wiederholen.

Vier Jahre später reiste ich erstmals in die USA, nach Florida. Das war eine starke Reise. Sie war trotzdem nicht das nachgeholte Kalifornien nach dem Studium. Ein anderer Zeitpunkt, ein anderes Leben, ein anderer Mensch.

Reisender in einer Berglandschaft
Nicht jede ausgelassene Reise wird zum großen Lebensfehler. Manche Entscheidungen bleiben trotzdem lange im Kopf, weil sie für einen unerfüllten Teil des eigenen Lebens stehen. Foto: Sascha Tegtmeyer

Ich bereue nicht jeden beruflichen Schritt, der danach kam. Ich habe gelernt, gearbeitet und später Wege gefunden, Reisen und Schreiben enger zu verbinden. Aber wenn ich an die abgesagte Reise denke, spüre ich noch immer, wie schnell „später“ zu einer bequemen, unbestimmten Ablage wird.

Was Reue über eine Entscheidung sagen kann

Reue mischt mehrere Dinge:

  • den tatsächlichen Ausgang;
  • die Vorstellung einer besseren Alternative;
  • das Wissen, das erst später verfügbar war;
  • enttäuschte Erwartungen an sich selbst;
  • und manchmal schlicht Trauer über eine geschlossene Möglichkeit.

Diese Mischung macht sie als Urteil unzuverlässig. Ich weiß, wie der Job begann. Ich weiß nicht, wie die Kalifornienreise verlaufen wäre. Vielleicht wäre sie großartig geworden. Vielleicht hätte ich Geldprobleme, Einsamkeit oder eine Panne auf einem Highway erlebt.

Der Vergleich ist unfair: Auf der einen Seite steht die reale Entscheidung mit allen mühsamen Details. Auf der anderen steht eine nicht gelebte Möglichkeit, die der Kopf beliebig gut ausstatten kann.

Das bedeutet nicht, die Reue wegzureden. Es bedeutet, ihre Aussage genauer zu formulieren. Meine Reue lautet nicht: „Kalifornien wäre perfekt gewesen.“ Sie lautet: „Ich habe damals Freiheit und Reisezeit geringer gewichtet, als es meinem eigenen Leben entsprach.“

Wegweiser als Symbol für eine schwierige Entscheidung
Eine Entscheidung wird nicht besser, weil sie maximal mutig klingt. Sie wird besser, wenn Konsequenzen, Alternativen und Rückweg ehrlich geprüft sind.

Was die Forschung dazu tatsächlich sagt

Forschende um den Cornell-Psychologen Tom Gilovich untersuchten, welche Arten von Reue Menschen länger beschäftigen. In den berichteten Studien spielten unerfüllte Hoffnungen, Ziele und Vorstellungen vom eigenen idealen Selbst eine besonders große Rolle.

Die Cornell University fasst die Untersuchung so zusammen, dass Menschen häufig stärker von der Distanz zu ihren Hoffnungen und Bestrebungen verfolgt werden als von nicht erfüllten Pflichten.

Das ist kein wissenschaftlicher Auftrag, jeden sicheren Weg zu verlassen. Es sagt auch nicht, dass ausgelassene Handlungen immer schlimmer sind als riskante Handlungen. Forschung beschreibt ein Muster über Gruppen. Sie entscheidet nicht, ob du einen Job annehmen, eine Beziehung beenden oder ein Flugticket kaufen sollst.

Das berühmte Zitat, nach dem wir später vor allem die Dinge bereuen würden, die wir nicht getan haben, wird häufig Mark Twain zugeschrieben. Für diese Zuschreibung gibt es keinen belastbaren Grund. Ich verwende es deshalb nicht als Beleg.

Ergebnis und Entscheidungsprozess getrennt beurteilen

Eine gute Entscheidung kann schlecht ausgehen. Eine schlechte Entscheidung kann Glück haben.

Wenn ein sorgfältig ausgewählter Flug gestrichen wird, war die Buchung nicht automatisch falsch. Wenn eine riskante Reise ohne Versicherung gut endet, war die Vorbereitung nicht automatisch klug.

Bei meiner Kalifornienentscheidung würde ich heute zwei Bewertungen trennen:

Das Ergebnis

Ich bekam Berufserfahrung. Zugleich verlor ich eine Reise in einer einmaligen Übergangsphase und trug die Frage „Was wäre gewesen?“ lange mit mir.

Den Prozess

Ich hatte den Job als Pflicht und die Reise als Luxus behandelt. Ich prüfte nicht ernsthaft, ob der Arbeitsbeginn verschiebbar war, ob ich die Reise verkürzen oder ein verbindliches neues Datum setzen konnte. Ich ließ die Alternative zu schnell verschwinden.

Genau dort liegt der nutzbare Lernwert. Nicht im Versuch, die Vergangenheit umzuschreiben, sondern in einem besseren Prozess für die nächste Entscheidung.

Meine Fünf-Schritte-Prüfung bei großen Reiseentscheidungen

1. Welche Fakten kannte ich zu diesem Zeitpunkt?

Späteres Wissen darf nicht heimlich in die damalige Situation zurückwandern. Schreibe auf, welche Informationen, finanziellen Grenzen und Verpflichtungen damals real waren.

2. Welcher eigene Wert stand auf dem Spiel?

Geht es um Sicherheit, Freiheit, Familie, Gesundheit, Entwicklung oder Zugehörigkeit? Ein Wert ist kein spontaner Wunsch. Er taucht in mehreren Entscheidungen wieder auf.

3. Ist die Entscheidung wirklich entweder-oder?

Kann der Arbeitsbeginn verschoben, die Reise verkürzt, eine unbezahlte Woche vereinbart oder ein verbindliches Ersatzdatum gesetzt werden? Viele Alternativen bleiben unsichtbar, solange nur zwei Extreme verglichen werden.

4. Was ist reversibel?

Eine zweiwöchige Testreise ist leichter rückgängig zu machen als ein sofortiger Umzug. Ein neuer Job mit Probezeit ist anders als eine irreversible Verpflichtung. Kleine reversible Schritte liefern echte Informationen.

5. Welche Grenze schützt mich vor Selbsttäuschung?

Budget, Rückkehrdatum, Notfallreserve und Abbruchkriterium machen eine mutige Entscheidung belastbarer. Mut ohne Grenze ist nur Risiko mit guter PR.

Eine Reise nicht machen: Wann das vernünftig sein kann

Ich würde niemandem sagen, jede Reise anzutreten. Es gibt gute Gründe abzusagen oder zu verschieben:

  • Gesundheit oder Sicherheit sind nicht ausreichend geklärt.
  • Die Reise würde Miete, Schulden oder notwendige Rücklagen gefährden.
  • Angehörige oder andere Menschen sind real auf deine Unterstützung angewiesen.
  • Die Entscheidung entsteht aus Flucht vor einem Problem, das mitreist.
  • Du hast keine tragfähige Rückkehr- oder Notfallplanung.
  • Du willst die Reise eigentlich nicht, sondern nur das Bild eines mutigen Menschen erfüllen.

Eine Absage kann verantwortungsvoll sein. Sie wird problematisch, wenn „später“ keine Form bekommt.

Wenn ein wichtiger Wunsch warten muss, setze ich heute lieber einen nächsten prüfbaren Schritt: Sparziel, Reisezeitraum, Gespräch mit dem Arbeitgeber oder eine kürzere Version. Sonst wird Verschieben leicht zum stillen Aufgeben.

Wie ich mit einer alten Fehlentscheidung umgehe

Ich kann die Reise nach dem Masterstudium nicht nachholen. Selbst ein identischer Mietwagen und dasselbe Apartment würden die verlorene Lebensphase nicht zurückbringen.

Was ich tun kann:

  1. Die damalige Entscheidung anerkennen. Ich wählte mit meinen damaligen Ängsten und Prioritäten.
  2. Die konkrete Lektion benennen. Reisezeit und Freiheit sind für mich keine Restposten nach der Arbeit.
  3. Keine Heldengeschichte daraus bauen. Der Job war nicht das Böse, Kalifornien nicht das sichere Glück.
  4. Die nächste ähnliche Situation anders prüfen. Alternativen, Verschiebung und ein festes Datum gehören auf den Tisch.
  5. Das heutige Leben nicht an eine verpasste Vergangenheit verlieren. Reue darf Richtung geben, aber nicht jeden späteren Erfolg entwerten.

Später gründete ich Just Wanderlust, um Reisen und Schreiben stärker zusammenzubringen. Das war keine direkte Reparatur der Kalifornienentscheidung. Es war eine Konsequenz aus mehreren Erfahrungen: Zeit ist für mich nicht nur die Lücke zwischen zwei Arbeitstagen.

Was dieses Fernweh für mich bedeutet, beschreibe ich ausführlicher in meinem Beitrag über Wanderlust. Hier bleibt die wichtigere Frage, wie aus einem Wunsch eine tragfähige Entscheidung wird.

Warum „einfach machen“ kein ausreichender Rat ist

Der Satz klingt stark, weil er Zögern durch Bewegung ersetzt. Er ist trotzdem unvollständig.

Einfach machen kann sinnvoll sein, wenn die Entscheidung reversibel, das Risiko begrenzt und der Wunsch lange stabil ist. Bei Gesundheit, Kündigung, hohen Schulden oder Verantwortung für andere Menschen braucht es mehr als Motivation.

Eine bessere Kurzform wäre:

Prüfe ehrlich, begrenze das Risiko und mach den nächsten realen Schritt.

Das kann ein Ticket sein. Es kann ebenso ein Sparplan, eine ärztliche Beratung oder ein Gespräch über unbezahlten Urlaub sein.

Boot unterwegs auf den Malediven
Spätere Reisen haben die abgesagte Kalifornienreise nicht nachgeholt. Sie haben mir aber gezeigt, dass verpasste Möglichkeiten nicht das Ende der eigenen Reisebiografie sind. Foto: Sascha Tegtmeyer

Spätere Reisen haben mir gezeigt, dass das Leben nach einer Fehlentscheidung nicht in die falsche Zeitlinie kippt. Neue Möglichkeiten entstehen. Sie sind nicht identisch mit der verlorenen, aber real.

Drei Fragen, wenn dich eine nicht gemachte Reise verfolgt

Vermisse ich den Ort oder die damalige Version von mir?

Manchmal steht „Kalifornien“ für Freiheit nach dem Studium. Dann kann eine heutige Reise schön sein, aber das eigentliche Gefühl nicht vollständig zurückbringen.

Ist der Wunsch heute noch meiner?

Ein alter Traum muss nicht aus Pflicht erfüllt werden. Prüfe, ob du den Ort heute sehen möchtest oder nur eine offene Rechnung schließen willst.

Welcher kleine Schritt ist jetzt sinnvoll?

Recherche, Termin, Budget oder eine kürzere Reise sind konkreter als die Forderung, das ganze Leben sofort zu ändern.

Ruhige Lagune auf den Malediven
Reisen schafft nicht automatisch Klarheit. Abstand kann jedoch helfen, die eigenen Prioritäten wieder zu hören. Foto: Sascha Tegtmeyer

Mein Fazit: Reue ist ein Hinweis, kein Urteil

Ich hätte die Kalifornienreise damals gern gemacht. Ich glaube bis heute, dass sie zu dieser Lebensphase gepasst hätte. Gleichzeitig weiß ich nicht, wie sie verlaufen wäre.

Der nützlichste Teil meiner Reue ist deshalb nicht die Fantasie eines perfekten Roadtrips. Es ist die Erkenntnis, dass ich wichtige eigene Werte bei großen Entscheidungen ausdrücklich benennen muss. Arbeit, Geld und Sicherheit erscheinen oft konkret. Zeit, Neugier und Freiheit wirken weicher – bis sie fehlen.

Heute versuche ich, eine Reise weder aus Angst abzusagen noch aus Trotz zu buchen. Ich prüfe, was auf dem Spiel steht, welche Alternative möglich ist und welches Risiko ich tragen kann.

Welche nicht getroffene Reiseentscheidung beschäftigt dich noch – und was sagt sie über das, was dir heute wichtig ist?

Quellen- und Faktenstand: 3. August 2026. Der Beitrag ist eine persönliche Reflexion, keine psychologische, medizinische, finanzielle oder berufliche Beratung.

Über Sascha Tegtmeyer

Über Sascha Tegtmeyer

Reisejournalist, Autor und Gründer von Just Wanderlust

Ich schreibe auf Just Wanderlust aus eigener Reiseerfahrung über Orte, Meer und Outdoor-Abenteuer. Mehr über mich und meine Arbeit.

1 Comment

  1. Ich habe Zeit meines Lebens auch das die Freiheit, das Abenteuer und das Reisen gesucht. Mit einer Transafrika und anderen Roadtrips auch gefunden.

    Unlängst habe ich erkannt, dass ich dabei ein grösseres Abenteuer fast ausgelassen habe:

    Artikel:
    https://www.4x4tripping.com/2023/08/reiselust-freiheit-abenteuer-adrenalin. html

    Falsche Entscheidungen – was falsch und was richtig ist – definiert sich mitunter im Alter wieder neu. Und schon ist man wieder an einem Wepunkt, der Entscheidungen nicht reversibel macht,

    Grüsse aus Zürich, Heinz

    Antworten

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