Mein erster Freediving-Versuch im Schluensee war faszinierend – und zu improvisiert. Ich hatte eine Begleitperson dabei, war aber ohne fundierte Ausbildung mit ein paar gelesenen Atemübungen ins Wasser gegangen. Genau das würde ich heute niemandem empfehlen. Apnoetauchen beginnt nicht mit einer Zielzeit oder Tiefe, sondern mit einem qualifizierten Kurs, einem ausgebildeten Sicherungspartner und der unverhandelbaren Regel: niemals allein.
Ich kam vom Gerätetauchen. Unter Wasser gehörten Atemgeräusch, Blasen und schwere Ausrüstung für mich zum normalen Ablauf. Beim Freediving fiel all das weg. Übrig blieben Flossen, Maske, ein drei Millimeter dicker Nasstauchanzug und das milchig-grüne Wasser eines Sees bei Plön.
Dieser Text ist keine Anleitung zum Luftanhalten. Ich veröffentliche bewusst keine Atemzeiten, Packungsübungen oder Tiefenpläne. Solche Techniken gehören in praktische Ausbildung, weil falsches Üben zu Bewusstlosigkeit und Ertrinken führen kann – auch im Pool und auch in flachem Wasser.
Der Moment, in dem das Atemgeräusch verschwand
Nach dem Abtauchen war es zunächst gespenstisch. Kein Regler klang neben der Maske, keine Blasen stiegen an meinem Gesicht vorbei. Die Sicht reichte nur einige Meter. Wasserpflanzen und kleine Fische erschienen aus dem Grün und verschwanden wieder darin.
Ich bewegte mich leichter als mit Jacket und Flasche. Gerade diese Leichtigkeit machte die Erfahrung so anziehend. Sie kann aber auch täuschen: Wenig Ausrüstung bedeutet nicht wenig Risiko. Ein Blackout kündigt sich nicht zuverlässig so an, dass man noch bequem zum Ufer schwimmt.

Was an meinem ersten Versuch richtig war – und was nicht
Richtig: Ich war nicht allein
Eine Begleitperson war dabei. Das war die wichtigste richtige Entscheidung. Aus heutiger Sicht reicht die bloße Anwesenheit einer Person jedoch nicht. Ein Buddy muss die Sicherung beherrschen, nah genug beobachten, Rettung und Oberflächenprotokoll kennen und darf nicht gleichzeitig selbst ungesichert tauchen.
Falsch: ein paar Atemübungen als Vorbereitung betrachten
Ich hatte Atemübungen gelesen und glaubte, damit etwas Vorarbeit geleistet zu haben. Ohne Einordnung kann genau das gefährlich sein. Hyperventilation senkt nicht den Sauerstoffbedarf, sondern verschiebt vor allem den Atemreiz. Dadurch kann Bewusstlosigkeit auftreten, bevor ein Warngefühl ernst genommen wird.
Falsch: Neugier mit „einfach drauf los“ verwechseln
So stand es im alten Beitrag. Diese Haltung passt vielleicht zu einem neuen Wanderweg, nicht zu einem Sport mit Blackout-Risiko. Meine Neugier war echt. Die Methode war nicht verantwortbar.
Die sieben Sicherheitsregeln, die vor jeder Faszination kommen
Der Divers Alert Network betont zentrale Grundsätze des Freedivings. Für Einsteiger übersetze ich sie in eine klare Reihenfolge:
- Nie allein trainieren oder tauchen. Auch nicht im Pool, am Beckenrand oder in vermeintlich flachem Wasser.
- Mit ausgebildeter Sicherung tauchen. Der Buddy beobachtet aktiv und kennt Rettungsabläufe.
- Nicht hyperventilieren. Keine Technik anwenden, deren physiologische Wirkung du nicht in qualifizierter Ausbildung verstanden hast.
- Kurs vor Leistungsziel. Druckausgleich, Entspannung, Sicherung und Rettung gehören praktisch geübt.
- Kein Wettbewerb mit dir selbst. Zeit und Tiefe sind keine geeigneten Anfängerziele.
- Ausreichend an der Oberfläche erholen. Mehrere schnelle Versuche hintereinander erhöhen das Risiko.
- Kälte, Gesundheit und Umgebung ernst nehmen. See, Meer und Pool haben unterschiedliche Gefahren; Krankheit, Medikamente und Tagesform gehören in die Entscheidung.
Diese Liste ersetzt keinen Kurs. Sie erklärt, warum ein Kurs nötig ist.
Auskühlung: mein deutlichstes Warnsignal an diesem Tag
Ich blieb insgesamt mehr als eine Stunde im Wasser und war am Ende stark ausgekühlt. Trotzdem wollte ich gedanklich sofort weitermachen. Das zeigt, wie schnell Begeisterung die Selbsteinschätzung verzerren kann.
Ein drei Millimeter dicker Anzug war für Dauer und Wassertemperatur offensichtlich keine belastbare Komfortgarantie. Kälte verschlechtert Beweglichkeit, Konzentration und Erholung. Zittern, Taubheit, Koordinationsverlust oder ungewöhnliche Müdigkeit sind keine Einladung zu „einem letzten Versuch“.
Freediving und Gerätetauchen fühlen sich ähnlich an – funktionieren aber anders
Als Gerätetaucher kannte ich Maske, Flossen, Druckausgleich und Buddy-System. Das half bei einzelnen Abläufen, machte mich aber nicht zum Freitaucher. Beim Gerätetauchen wird kontinuierlich geatmet; beim Freediving hängt die gesamte Tauchphase an einem Atemzug. Sicherung, Oberflächenphase und Risikowahrnehmung unterscheiden sich.
Gerade erfahrene Gerätetaucher können ihr Wassergefühl überschätzen. Tarierung, Flaschen und Regler fallen weg, aber physiologische Risiken verschwinden nicht mit der Ausrüstung.

Später habe ich den Rekordtaucher Herbert Nitsch interviewt und Freediving in einem deutlich professionelleren Kontext erlebt. Das Gespräch über Rekorde, Unfall und Rückkehr findest du im Interview mit Herbert Nitsch. Leistungssport ist dabei kein Maßstab für den Einstieg, sondern ein weiterer Grund, Ausbildung und Grenzen ernst zu nehmen.
So würde ich heute beginnen
1. Qualifizierten Einsteigerkurs wählen
Ich würde nach anerkanntem Ausbildungsweg, kleinen Gruppen, Pool- und Freiwasseranteil, Rettungstraining und transparenter Qualifikation des Instructors fragen.
2. Gesundheit vorher klären
Ohren, Nebenhöhlen, Herz-Kreislauf, Lunge, Medikamente und frühere Probleme beim Druckausgleich gehören in die medizinische Selbstauskunft. Bei Zweifel ist tauchmedizinische Beratung nötig.
3. Ausrüstung passend zum Gewässer wählen
Wärmeschutz, Maske, Flossen, Gewichtung, Boje und Leine werden nicht nach möglichst sportlichem Aussehen zusammengestellt. Gerade Gewichtung und Wärmeschutz sollten im Kurs angepasst werden.
4. Sicherung üben, bevor Leistung gemessen wird
Ein Buddy-Team muss wissen, wer taucht, wer sichert und wie lange beobachtet wird. „Wir passen gegenseitig irgendwie auf“ ist kein Verfahren.
5. Neugier behalten, Zahlen weglassen
Mein stärkster Moment am Schluensee war nicht eine gemessene Zeit. Es war die ungewohnte Stille zwischen Wasserpflanzen und Fischen. Genau dieser Eindruck bleibt erhalten, auch wenn man auf Rekorddenken verzichtet.
Häufige Fragen zum Einstieg
Kann man Freediving allein im Schwimmbad üben?
Nein. Auch statisches Luftanhalten im flachen Becken kann zu Bewusstlosigkeit führen. Eine geschulte, aktive Sicherung ist nötig; allgemeine Badeaufsicht ersetzt sie nicht.
Sollte man vorher Atemübungen machen?
Nicht nach beliebigen Online-Anleitungen. Atem- und Entspannungstechniken gehören in einen Kurs, der ausdrücklich vor Hyperventilation und falscher Anwendung warnt.
Braucht ein Gerätetaucher trotzdem einen Freediving-Kurs?
Ja. Wassererfahrung hilft, ersetzt aber weder Apnoe-Physiologie noch Sicherungs- und Rettungstechniken.
Ist ein See für den Einstieg geeignet?
Nur mit passender Ausbildung, Sicherung und Einschätzung von Temperatur, Sicht, Einstieg, Bootsverkehr und lokaler Regelung. Mein improvisierter Schluensee-Versuch ist kein Vorbild.
Fazit: Die Stille bleibt, die Naivität nicht
Ich erinnere mich an das Fehlen der Blasen, das grüne Wasser und die Beweglichkeit ohne Flasche. Diese Faszination war real. Ebenso real war, dass ich zu wenig wusste, zu lange im kalten Wasser blieb und meine Vorbereitung überschätzte.
Ein guter Freediving-Einstieg nimmt dem Erlebnis nichts. Er entfernt nur die vermeidbare Naivität. Kurs, ausgebildeter Buddy und konservative Grenzen stehen zuerst. Alles andere – Ruhe, Beweglichkeit und die neue Wahrnehmung unter Wasser – kann danach wachsen.
Was reizt dich am Freediving mehr: die Stille, die Bewegung oder die Konzentration auf einen einzigen Atemzug?

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