Reiseinfluencer finden: mein Prüfprozess für gute Kooperationen

by Sascha Tegtmeyer | Jan. 8, 2025

Einen passenden Reiseinfluencer findest du nicht über die größte Followerzahl, sondern über vier Übereinstimmungen: Thema, Publikum, Format und Arbeitsweise. Ich kenne Kooperationen aus beiden Perspektiven – als Reise-Creator und aus der Beratung von Unternehmen. Mein wichtigster Rat lautet deshalb: Definiere zuerst, was die Zusammenarbeit leisten soll, und prüfe anschließend echte Inhalte. Reichweite kommt erst danach.

Eine Hotelbuchung, ein Tauchkurs und eine Destinationskampagne sind drei verschiedene Aufgaben. Wer für alle dieselbe Creator-Liste verwendet, wählt nicht effizient, sondern bequem.

Ich würde außerdem Erwartungen korrigieren: Eine Reiseinfluencer-Kooperation kann Aufmerksamkeit, glaubwürdige Inhalte, Suchtreffer und verwertbares Bildmaterial schaffen. Direkte Buchungen sind möglich, aber nicht automatisch der beste oder einzige Erfolgsmaßstab.

Schritt 1: Entscheide, ob du Reichweite, Inhalt oder Nachfrage brauchst

Bevor ich einen Namen suche, formuliere ich ein einziges Hauptziel. Nicht fünf gleich wichtige Ziele, sondern eines.

HauptzielPassendes FormatSinnvolle Messung
Bekanntheitkurze Videos, Stories, mehrere Creator in engem Zeitraumqualifizierte Reichweite, Videowiedergaben, Marken-Suchanfragen
ErklärungBlogbeitrag, YouTube-Video, ausführliches CarouselLese- oder Wiedergabezeit, gespeicherte Inhalte, qualifizierte Fragen
BuchungsinteresseLandingpage, konkretes Angebot, klarer ReisezeitraumKlicks, Anfragen, unterstützte Buchungen
Content-Produktiondefinierte Foto- und Videopaketeabgenommene Assets, Nutzbarkeit, Produktionskosten
langfristige Sichtbarkeitsuchoptimierter Blog- oder VideobeitragRankings, organische Aufrufe, wiederkehrender Referral-Traffic

Ein Creator kann mehrere Formate liefern. Trotzdem braucht jedes Format eine Funktion. „Ein Reel, drei Storys und einen Blogpost“ ist noch keine Strategie.

Für viele Reiseunternehmen ist die Zusammenarbeit zunächst ein PR- und Content-Instrument. Ein glaubwürdiger Erfahrungsbericht kann die Marke erklären und Vertrauen aufbauen. Wer ausschließlich zehn sofortige Buchungen erwartet, muss Tracking, Angebot und Zielgruppe wesentlich enger planen.

Reise-Creator bei der Produktion von Online-Inhalten
Der passende Reiseinfluencer ist nicht der größte Account, sondern derjenige, dessen Publikum, Arbeitsweise und Format zum konkreten Kommunikationsziel passen.

Schritt 2: Baue eine Suchliste aus dem Thema heraus

Ich starte nicht mit allgemeinen Ranglisten. Ich suche dort, wo ein künftiger Gast selbst suchen würde:

  • Google-Suche nach Reiseziel plus konkreter Aktivität;
  • YouTube-Suche nach Hotel, Route oder Reiseform;
  • Instagram und TikTok über Ortsnamen, Themenbegriffe und aktuelle Beiträge;
  • Empfehlungen von Tourismuspartnern, PR-Kontakten und anderen Creatorn;
  • Fachmessen und bestehende Branchenkontakte;
  • Beiträge, die bereits zu ähnlichen Produkten oder Regionen sichtbar sind.

Für eine Tauchbasis in Ägypten suche ich nicht nur „Reiseinfluencer“. Ich suche nach Rotem Meer, Tauchen, Unterwasserfotografie, Safaga oder Marsa Alam. Für ein Familienhotel sind Sicherheitsfragen, Zimmerlogik und Familienalltag wichtiger als ein spektakulärer Freediving-Feed.

Ich notiere zunächst zehn bis zwanzig Kandidaten, ohne jemanden direkt anzuschreiben. Danach beginnt die eigentliche Prüfung.

Meine Reiseinfluencer-Liste kann dafür Namen und Formate sichtbar machen. Sie ersetzt aber keinen aktuellen Fit-Check für das konkrete Projekt.

Schritt 3: Prüfe nicht das Profil – prüfe eine Stichprobe

Ein Profilraster zeigt den besten Ausschnitt. Für eine Kooperation interessiert mich die Arbeitsweise über mehrere Veröffentlichungen hinweg.

Ich öffne bei jedem Kandidaten:

  1. drei aktuelle Beiträge;
  2. drei ältere Beiträge;
  3. zwei erkennbare Kooperationen;
  4. einen Beitrag, der nicht besonders gut gelaufen ist;
  5. den Blog, YouTube-Kanal oder Newsletter, sofern vorhanden.

Dabei beantworte ich:

  • Bleibt das Thema über längere Zeit glaubwürdig?
  • Werden Stärken und Schwächen genannt?
  • Sind persönliche Erfahrungen konkret oder austauschbar?
  • Wie reagiert der Creator auf kritische Fragen?
  • Passen Bildsprache und Ton zu meinem Produkt?
  • Werden Kooperationen erkennbar gekennzeichnet?
  • Bleiben Blogbeiträge und Videos auffindbar oder verschwinden Inhalte schnell?
Sascha Tegtmeyer bei einer Blogger-Pressereise in Thailand
Eine Pressereise liefert Zugang und Material. Glaubwürdige Berichterstattung entsteht erst durch klare Erwartungen und redaktionelle Unabhängigkeit. Foto: Sascha Tegtmeyer

Ich habe auf Pressereisen erlebt, wie unterschiedlich Creator mit demselben Programm umgehen. Manche reproduzieren die vorbereitete Route. Andere stellen Fragen, suchen zusätzliche Perspektiven und sagen offen, wenn etwas nicht funktioniert. Für eine glaubwürdige Zusammenarbeit ist diese Eigenständigkeit kein Störfaktor, sondern der Wert.

Schritt 4: Zielgruppe schlägt oberflächliche Reichweite

Followerzahlen zeigen eine mögliche Verbreitung. Sie sagen nicht, ob die richtigen Menschen zuhören.

Ich würde mir, soweit der Creator sie transparent bereitstellt, mindestens diese Informationen erklären lassen:

  • wichtigste Länder und Sprachen des Publikums;
  • Altersgruppen;
  • typische Reichweite des vereinbarten Formats, nicht nur des besten Posts;
  • Aufrufe oder Sitzungen bei langfristigen Inhalten;
  • Beispiele früherer Kooperationen;
  • Anteil bezahlter Verbreitung;
  • auffällige Spitzen und deren Ursache.

Eine pauschale „gute Engagementrate“ nenne ich bewusst nicht. Plattform, Format, Accountgröße und Thema verändern den Wert erheblich. Wichtiger ist die Plausibilität: Entstehen Kommentare aus dem Inhalt? Stellen Menschen konkrete Fragen? Wiederholen sich dieselben leeren Reaktionen?

Werkzeuge können Auffälligkeiten zeigen. Sie ersetzen keine manuelle Stichprobe und beweisen weder echte noch gekaufte Reichweite.

Schritt 5: Blog, Social Media und Video getrennt bewerten

Ein schneller Social-Post und ein ausführlicher Reiseblogbeitrag lösen unterschiedliche Aufgaben.

Social Media schafft den unmittelbaren Moment

Storys, Reels und TikToks können einen Ort schnell sichtbar machen. Sie eignen sich für Atmosphäre, Neuigkeiten, saisonale Angebote und direkte Reaktionen. Ihre organische Lebensdauer kann kurz sein.

Ein Blogbeitrag beantwortet konkrete Fragen

Ein guter Beitrag kann noch lange nach der Reise über Google, interne Links und direkte Empfehlungen gefunden werden. Er braucht dafür Recherche, Struktur, belastbare Informationen und Aktualisierung.

Video zeigt Abläufe

Zimmer, Anreise, Tauchbasis oder Wanderroute lassen sich im Video räumlich nachvollziehen. Das ist besonders wertvoll, wenn eine Buchungsentscheidung von Abläufen und nicht nur von Atmosphäre abhängt.

Meine bevorzugte Kombination hängt vom Ziel ab. Für eine erklärungsbedürftige Reiseleistung kann ein ausführlicher Beitrag plus kurze soziale Formate stärker sein als fünf austauschbare Reels.

Reiseautor Sascha Tegtmeyer auf einem Boot
Als Reise-Creator kenne ich die Produktionsseite einer Kooperation: Anreise, Recherche, Bildauswahl, Text, Freigaben und Auswertung gehören zusammen. Foto: Sascha Tegtmeyer

Schritt 6: Schreibe ein Briefing, das Freiheit und Grenzen trennt

Ein gutes Briefing legt Fakten und Pflichten fest, nicht die Meinung.

Es enthält:

  • Ziel und Zielgruppe;
  • konkrete Leistungen und Formate;
  • Termine und Freigabeschritte;
  • notwendige Fakten, Ansprechpartner und Zugänge;
  • bezahlte und unentgeltliche Bestandteile;
  • Kennzeichnungsanforderungen;
  • Nutzungsrechte, Laufzeit, Länder und Medien;
  • Messlinks, Codes oder Landingpages;
  • Regeln für Absage, Wetter, Krankheit und Programmänderung;
  • einen klaren Raum für unabhängige Bewertung.

Ich würde niemals „nur positive Berichterstattung“ als Erwartung verstecken. Wer eine vorgegebene Lobeshymne benötigt, sucht Werbung – keine redaktionell glaubwürdige Creator-Kooperation.

Schritt 7: Vergütung und Gegenleistung vollständig benennen

Eine kostenlose Reise ist nicht automatisch eine vollständige Vergütung. Produktion, Bildbearbeitung, Text, Schnitt, Abstimmung und eingeräumte Nutzungsrechte sind Arbeitsleistungen.

Umgekehrt ist eine Einladung mit hohem Reisewert kein Freibrief für beliebig viele Inhalte. Beide Seiten sollten vorab wissen:

  • Welche Kosten übernimmt das Unternehmen?
  • Welche Vergütung wird gezahlt?
  • Welche Leistungen sind verbindlich?
  • Welche zusätzlichen Inhalte bleiben freiwillig?
  • Welche Rechte erhält das Unternehmen?
  • Darf es Inhalte bearbeiten oder als Anzeige ausspielen?
  • Was kostet eine Verlängerung der Rechte?

Die genaue Vertragsgestaltung sollte im Zweifel juristisch geprüft werden. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung.

Kennzeichnung und Nutzungsrechte gehören vor die Reise

Die Medienanstalten erläutern in ihrem aktuellen Leitfaden, wie Werbung in Online-Medien erkennbar gemacht werden soll. Zusätzlich gilt in Deutschland unter anderem das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb.

Ich würde die Kennzeichnung nicht erst nach Veröffentlichung diskutieren. Dasselbe gilt für Musikrechte, abgebildete Personen, Drohnenaufnahmen und die spätere Verwendung eines Beitrags in bezahlter Werbung.

Ein Nutzungsrecht für „Social Media“ ist zu ungenau. Plattform, Zeitraum, Gebiet, organische Nutzung, Paid Ads, Bearbeitung und Weitergabe an Partner gehören konkret benannt.

Kontaktaufnahme: kurz, konkret und persönlich

Eine gute erste E-Mail zeigt, dass die Auswahl nicht automatisch erfolgt ist. Sie beantwortet fünf Punkte:

  • Wer schreibt?
  • Warum passt genau dieser Creator?
  • Worum geht es?
  • Welche Leistung und Gegenleistung sind vorgesehen?
  • Was ist der nächste kleine Schritt?

Ein brauchbarer Aufbau:

Betreff: Kooperation zu [Thema/Reiseziel]
Hallo [Name], wir betreiben [kurze Einordnung]. Dein Beitrag zu [konkreter Inhalt] ist uns aufgefallen, weil [ehrlicher Grund]. Für [Zeitraum] planen wir [Projekt] und suchen Unterstützung für [Hauptziel]. Gedacht sind [Formate und Leistungen]; Budget, Reiseleistungen und Nutzungsrechte würden wir transparent abstimmen. Ist das grundsätzlich interessant? Dann sende ich dir ein kurzes Briefing mit den Eckdaten.

Ich würde weder künstliche Vertrautheit vorspielen noch im ersten Satz eine kostenlose Reise versprechen. Gute Creator wollen wissen, ob Aufgabe, Zeit und Konditionen passen.

Aus Creator-Sicht habe ich außerdem beschrieben, woran ich eine gute Kooperationsanfrage an Influencer und Blogger erkenne. Der Perspektivwechsel hilft, unnötige Rückfragen schon vor dem Versand zu vermeiden.

Sascha Tegtmeyer bei einer Content-Kooperation
Ich arbeite als Creator mit Unternehmen und unterstütze zugleich bei der Auswahl passender Partner. Diese Doppelsicht prägt meinen Prüfprozess. Foto: Sascha Tegtmeyer

Erfolg messen, ohne falsche Genauigkeit

Vor dem Start definiere ich eine kleine Zahl von Messwerten. Sie müssen zum Ziel passen.

Für direkte Nachfrage:

  • eindeutige Landingpage;
  • markierte Links;
  • sinnvoller Aktionscode;
  • Anfragen mit Herkunftsfeld;
  • Vergleich mit einem realistischen Ausgangszeitraum.

Für Bekanntheit und Inhalt:

  • qualifizierte Reichweite;
  • vollständige Videoaufrufe oder Wiedergabedauer;
  • gespeicherte und geteilte Inhalte;
  • Marken-Suchanfragen;
  • Qualität der Kommentare und Fragen;
  • langfristige Aufrufe eines Blog- oder Videobeitrags;
  • Zahl und Nutzbarkeit der produzierten Assets.

Ein Klick ist nicht automatisch eine Buchung. Eine Buchung kann nach mehreren Kontakten entstehen. Deshalb würde ich Ergebnisse als Beitrag zur gesamten Kommunikation bewerten und nicht jede Wirkung einem einzigen Post zuschreiben.

Wann ich von einer Kooperation abraten würde

  • Das Unternehmen kann Ziel und Zielgruppe nicht benennen.
  • Der Creator veröffentlicht fast nur austauschbare Werbung.
  • Reichweitenangaben bleiben trotz konkreter Anfrage unplausibel oder widersprüchlich.
  • Es gibt keine schriftliche Einigung über Leistungen und Rechte.
  • Eine positive Bewertung wird verlangt.
  • Sicherheits- oder Nachhaltigkeitsfragen sollen verschwiegen werden.
  • Das Produkt passt nicht zur bisherigen Themenkompetenz.
  • Die Kampagne soll mit unrealistischen Sofortbuchungen gerechtfertigt werden.

Eine kleine, gut passende Zusammenarbeit kann wertvoller sein als eine teure Kampagne mit einem großen, aber thematisch fremden Account.

Mein Fazit: Gute Auswahl beginnt vor der Namenssuche

Ich kenne die Creator-Seite mit Recherche, Reise, Produktion und Veröffentlichung. Ich kenne zugleich die Unternehmensfrage: Was bleibt nach Reichweite und schönen Bildern tatsächlich übrig?

Die beste Antwort entsteht, wenn beide Seiten dasselbe Projekt beschreiben. Ziel, Publikum, Format, Gegenleistung, Rechte und Messung müssen zusammenpassen. Dann ist ein Reiseinfluencer weder kostenlose Werbefläche noch eine undurchsichtige Followerzahl, sondern ein klar ausgewählter Produktions- und Kommunikationspartner.

Welches Ziel soll deine nächste Creator-Kooperation als Erstes erfüllen: Bekanntheit, Inhalt oder konkrete Nachfrage?

Quellen- und Faktenstand: 3. August 2026. Kennzeichnungs-, Vertrags- und Nutzungsrechtsfragen für das konkrete Projekt aktuell und gegebenenfalls juristisch prüfen.

Über Sascha Tegtmeyer

Über Sascha Tegtmeyer

Reisejournalist, Autor und Gründer von Just Wanderlust

Ich schreibe auf Just Wanderlust aus eigener Reiseerfahrung über Orte, Meer und Outdoor-Abenteuer. Mehr über mich und meine Arbeit.

0 Comments

Deine Erfahrung zählt

Für Prüfung, Moderation und Spam-Abwehr verarbeiten wir deinen Namen, deine E-Mail-Adresse, den Kommentar, deine IP-Adresse und Browserdaten. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Mehr dazu steht in der Datenschutzerklärung.