Meeresbiologin Sonia Valladares im Interview: “Jeder kann etwas zum Schutz der Riffe tun!”

Meeresbiologin Sonia Valladares in Aktion: Die Dokumentation der Schildkröten-Population rund um Coco Bodu Hithi gehört zu ihrem Job. Foto: Sascha Tegtmeyer
Meeresbiologin Sonia Valladares in Aktion: Die Dokumentation der Schildkröten-Population rund um Coco Bodu Hithi gehört zu ihrem Job. Foto: Sascha Tegtmeyer

Sonia Valladares ist Meeresbiologin auf der kleinen Malediven-Insel Coco Bodu Hithi. Sascha Tegtmeyer hat vor Ort mit der Wissenschaftlerin über die Problematik der Korallenbleiche, die Herausforderungen des wachsenden Tourismus im Inselstaat und die Rolle der Urlauber bei der Rettung der Unterwasserwelt gesprochen.

Was macht für Dich die Arbeit als Marinebiologin auf den Malediven und vor allem auf der Insel Coco Bodu Hithi so besonders?

Die Malediven sind ein Inselstaat, dessen Territorium zu 99% mit Wasser bedeckt ist und besitzt eines der weltweit reichsten marinen Ökosysteme: Die Korallenriffe hier sind der perfekte Arbeitsplatz für eine Meeresbiologin. Die Riffe sind das größte Biodiversitäts-Ökosystem auf der Erde und bilden den Lebensraum für Tausende von Fischarten, wirbellose Tiere wie Muscheln, Hummer, Garnelen und Seesterne, aber auch Haie, Rochen und Meeresschildkröten.

Die Insel Coco Bodu Hithi ist im Nord-Male-Atoll gelegen. Sie ist ein großartiger Ort, wo man leicht dieses alltägige Meerleben beim Schnorcheln entdecken kann. Rund um die Insel und in der Nähe gibt es schöne Riffe mit bunten und gesunden Korallen. Und es ist möglich, täglich Meeresschildkröten und Riffhaie zu sehen.

Darüber hinaus haben wir die erstaunlichen Mantarochen. Sie besuchen ein Riff in der Nähe von Bodu Hithi jedes Jahr in der Zeit von Dezember bis April. Der leichte Zugang zum maritimen Leben hier im Atoll ist wirklich praktisch, um meine Feldarbeit umzusetzen und um Daten für die Hauptforschungsprogramme zu sammeln, mit denen ich zusammenarbeite. Aber auch natürlich auch einfach, um eine erstaunliche Unterwassererfahrung zu genießen.

Trauminsel Coco Bodu Hithi: Kein schlechter Arbeitsplatz für eine Meeresbiologin. Foto: Sascha Tegtmeyer
Trauminsel Coco Bodu Hithi: Kein schlechter Arbeitsplatz für eine Meeresbiologin. Foto: Sascha Tegtmeyer

Was sind die Themen, an denen Du hier in Bodu Hithi arbeitest? Wie ist dein üblicher Tagesablauf?

Meine Arbeit beinhaltet Korallenriff-Ökologie und dessen Schutz und Erhaltung. Ich verbringe einen Großteil meiner Arbeitszeit im Wasser beim Schnorcheln und Tauchen. Da sind schon viele Freunde und Kollegen neidisch. Ich bin zuständig für die Überwachung des Korallenriffs rund um die Insel. Das Ziel dabei ist, den aktuellen Status der Korallen zu beurteilen, Maßnahmen zur Wiederherstellung des Korallenriffs zu ergreifen wie beispielsweise Korallenrotationen oder Korallen-Gärtnereien anzulegen und Riff-Aufräumarbeiten zu starten, um das Riff gesund zu halten und Daten für die wichtigsten Forschungsprogramme zu sammeln.

Ich guide zudem die Gäste beim Schnorcheln an unserem Hausriff oder starte mit ihnen auf dem Dhoni (traditionelles Fischerboot) zu anderen Riffen in der Nähe unserer Insel. Während der Schnorchelaktivitäten helfe ich dem Gast, eine angenehme Unterwassererfahrung zu haben. Für einige von ihnen ist es das erste Mal Schnorcheln. Ich bringe ihnen etwas über das marine Leben bei und fördere das Bewusstsein für die Erhaltung der Meere. Zudem sammle ich auch während dieser Touren Daten für die Forschungsprojekte, an denen ich beteiligt bin.

Bei welchen wichtigen Forschungsprojekten bist Du involviert?

Mein Hauptforschungsprojekt betrifft die Schildkröten: Ich arbeite mit dem Sea Turtle Identification Project zusammen, dem “The Olive Ridley Project“. Die Coco Collection, zu der auch die Insel Bodu Hithi gehört, hat eine offizielle Partnerschaft mit der Naturschutzorganisation, um die Population der Meeresschildkröten auf den Malediven zu studieren. Ich konzentriere mich auf die lokale Bevölkerung von Hawksbill-Meeresschildkröten (Eretmochelys imbricata), die an unserem Hausriff oder den umliegenden Riffen leben. Ich nehme Bilder von jeder Seeschildkröte auf, der ich begegne und identifiziere die Individuen durch Fotoidentifikation mit den einzigartigen Skalenmustern auf dem Gesicht der Meeresschildkröte. Wir haben ein Meeresschildkröten-Adoptionsprogramm, das darin besteht, eine Meeresschildkröte zu taufen, die bei Bodu Hithi neu entdeckt wurde. Ich benachrichtige die Entdecker der Meeresschildkröten bei zukünftigen Sichtungen.

Die Meeresbiologin brieft Apnoe-Weltrekordhalter Herbert Nitsch und Ehefrau Jeanette Woldman vor dem Tauchgang. Foto: Sascha Tegtmeyer
Die Meeresbiologin brieft Apnoe-Weltrekordhalter Herbert Nitsch und Ehefrau Jeanette Woldman vor dem Tauchgang. Foto: Sascha Tegtmeyer

Wenn die Manta-Saison bei uns in Bodu Hithi ist, gehe ich mit den Gästen und den Riesen zusammen schnorcheln. Ich nehme die Gäste mit zum Schnorcheln mit diesen Riesen und sammle Daten für die Manta-Trust-Organisation, die die Population von Mantarochen auf den Malediven studiert. Ähnlich wie bei dem Meeresschildkrötenprojekt identifiziere ich die Mantas durch Fotoidentifikation, indem ich in diesem Fall die Flecken auf der Oberfläche der Mantas verwende. Außerdem ermutige ich die Gäste und Kollegen, bei beiden Identifikationsprojekten zusammenzuarbeiten und uns zu helfen, diese gefährdeten Tiere zu studieren und zu schützen. Wer mehr über die Coco-Collection-Umweltinitiativen und Projekte erfahren möchten, kann unseren zugehörigen Blog unter http://cococares.wordpress.com besuchen.

Was ist der schwierigste Teil deiner Arbeit und welchen magst du am liebsten?

Der „Erhaltungsaspekt“ meiner Arbeit beinhaltet die Schaffung von Tierschutzbewusstsein bei den Gästen. Da uns Urlauber aus verschiedenen Nationalitäten besuchen, muss ich mit verschiedenen Ebenen und Wissenständen in der Umwelterziehung umgehen. Das kann eine ordentliche Herausforderung sein, wenn man versucht, über die Bedeutung des Schutzes der Korallenrifflebensräume zu informieren – und noch mehr, wenn die Gäste kein Englisch sprechen. Aber wenn ich sie ins Wasser bringe, werden sie Teil der natürlichen Unterwasserwelt und entdecken ihr Interesse am Schutz des Meereslebens. Ich freue mich, Menschen aus der ganzen Welt zu inspirieren, sich um die Meeresumwelt zu kümmern.

Die Malediven sind ein beliebtes Urlaubsziel mit steigenden Tourismuszahlen. Was sind die Herausforderungen für die Umwelt und vor allem für die Unterwasserwelt?

Die Malediven mit dem kristallklaren Wasser, weißen Stränden und dem reichhaltigen Meeresleben ist einer der schönsten Orte der Welt. Aber auch eines der zerbrechlichsten Ökosysteme. Die Zahl der Touristen, die die Malediven besuchen, hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen und damit Druck auf die Umwelt und die natürlichen Ressourcen erzeugt. Negative Auswirkungen auf die Meereswelt finden auf unterschiedliche Weise statt: Meerestiere verlieren ihren Lebensraum, die Verschmutzung erhöht sich, Korallenriffe werden zerstört durch schlechte Praktiken beim Schnorcheln und Tauchen und natürlich besonders die Überfischung. Nachhaltiger Tourismus und Ökotourismus-Initiativen sind der Schlüssel zur Erhaltung der Umwelt und der natürlichen Schönheit, die viele Menschen in dieses tropische Land bringt.

Wie geht es um die Auswirkungen auf die Korallenbleiche an den Riffen im Indischen Ozean – wie viel ist das ein Problem? Und was ist mit anderen Problemen wie umfangreiches Fischen und Haifischflossen?

Das El-Niño-Wetterphänomen verursacht Meeresoberflächentemperaturanomalien. Im Jahr 2016 betraf das Phänomen stark den Pazifischen Ozean, der Meeresoberflächentemperaturen über 32 Grad Celsius auf den Malediven erzeugte. Infolgedessen wurden die Korallen gestresst und gebleicht. Korallen verlieren dadurch ihre Algen und werden weiß. Das führt zu einem massiven Tod von Korallenriffen.

Meeresbiologin Sonia Valladares forscht im Indischen Ozean. Foto: Sascha Tegtmeyer
Meeresbiologin Sonia Valladares forscht im Indischen Ozean. Foto: Sascha Tegtmeyer

Das Bleichereignis war für viele maledivische Korallenriffe verheerend. Das Maldives Marine Research Center erklärte, dass 73 Prozent der Korallenriffe gebleicht wurden. Es gibt viele andere Faktoren, wie saure Ozeane, Verschmutzung, Küstenentwicklung und Überfischung, die das Überleben der Korallenriffe bedrohen. Korallenriffe sind einzigartige Ökosysteme, die wertvollen Lebensraum für Tausende von Arten bieten. Sie sind sehr wichtig als eine natürliche Barriere, um die Küsten vor den schädlichen Auswirkungen von Wellen und tropischen Stürmen zu schützen.

Sie sind auch wesentliche Ressource für Tourismus und Fischerei, die beiden wichtigsten Einkommensquellen der maledivischen Bevölkerung. Der Schutz der Korallenriffe ist entscheidend für die Gesundheit der Ozeane und die Wirtschaft der örtlichen Gemeinschaften. Jede einzelne Tierart spielt eine wesentliche Rolle beim Erhalt der Korallenriff-Ökosysteme und hält sie gesund. Überfischung ist einer der Faktoren, der das komplexe Gleichgewicht der Korallenriffe stören kann. Kleinere Fischarten, die Algen oder tote Korallen fressen, sind die Reiniger des Riffs. Große Raubtiere wie Haie tragen dazu bei, die Population vieler anderer Meerestiere zu kontrollieren. Wenn Haie verschwinden, wird das gesamte Ökosystem negativ beeinflusst.

Was können die Gäste zum Schutz der Riffe unternehmen?

Jeder kann wirksame Maßnahmen ergreifen, um die Korallenriffe zu schützen. Auch wenn Sie weit von Korallenriffen entfernt leben, können Sie einen Einfluss auf den Erhalt der Riffe haben. Da die Hauptbedrohung für Korallenriffe die steigende Meerwassertemperatur als Folge des Klimawandels ist, ist die Verringerung der Emissionen fossiler Brennstoffe eine Aufgabe, die wir alle angehen müssen. Verringern Sie die Verschmutzung unserer Ozeanen: Verschwenden Sie kein Wasser, erzeugen Sie weniger Abwasser, entsorgen Sie Ihren Müll richtig. Werfen Sie nichts in den Ozean, was Korallen und Meeresleben schaden könnte und vor allem, reduzieren Sie den Gebrauch von Plastik. Denn Plastik ist eines der Hauptprobleme in unseren Ozeanen.

Vor Ort beruht der Schutz der Korallenriffe auf Ökotourismus und die Aktionen der Touristen. Wenn Sie Korallenriffe besuchen, vermeiden Sie Schäden an gesunden Korallen, indem Sie das Tauchen und Schnorcheln verantwortungsbewusst betreiben. Berühren Sie die Korallen nicht und treten Sie nicht auf die Korallen. Helfen Sie beschädigten Riffen, indem Sie auf Riffreinigungs-Events helfen und keine Muscheln und Korallen sammeln – auch nicht, wenn sie tot sind. Unterstützen Sie nicht den Handel von marinen Lebens-Souvenirs. Und erzählen Sie anderen vom richtigen Umgang mit der Meereswelt.

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft in Bezug auf Meeresbiologie und Meeresleben?

Ich beschäftige mich leidenschaftlich mit mariner Ökologie sowie Erhaltung und Schutz von bedrohten Arten. Meine Priorität ist es, noch mehr über das tropische Meeresleben zu lernen und ein Schutzprojekt zu führen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von Sascha Tegtmeyer. Lest zu diesem Thema auch mein Interview mit der Meeresbiologin Chiara Fumagalli.

Alle Infos zu Coco Bodu Hithi unter cococollection.com.

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1 Kommentar

  1. Hallo Sonja ! Waren im Oktober 2017 für 14 Tage auf Summer Island zum Tauchen und waren entsetzt was die Korallenbleiche für Schäden angerichtet hat , aber es geht auch anders wie wir uns mit eigenen Augen unter Wasser überzeugen konnten die Korallenzucht der Tauchschule unter Leitung von Adrian und die ersten Erfolge mit dem von ihm und seinen Team erbsuten neuen Riffs. Viele Taucher haben schon eine Korallenpatenschaft übernommen für 15 Dollar für ein Jahr so auch meine Tochter 12 Jahre und schon begeisterte Taucherin . Aber es kostet doch viel Geld das weiter auszubauen . Meine Frage , kennst Du Orgsnisationen oder Fonds die solche Projekte finanziell unterstützen oder an die man sich wenden kann . Über eine Antwort würden wir uns freuen . Dankeschön und eim schönes Wochenende wünschen Luisa und Lutz

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