Haie schützen – was wirklich hilft und was nur gut aussieht

by Sascha Tegtmeyer | Jan. 23, 2025

Wenn du Haie schützen willst, beginne nicht mit einem dramatischen Social-Media-Post, sondern mit Entscheidungen, die an den relevanten Hebeln ansetzen: keine Haiprodukte kaufen, bei Fisch nach Art und Herkunft fragen, Haitourismus kritisch auswählen, brauchbare Beobachtungsdaten melden und politische Forderungen nach Fangbegrenzung, Beifangreduktion, Rückverfolgbarkeit und wirksamem Vollzug unterstützen. Ein Verbot von Finning allein löst das Problem nicht. Es richtet sich gegen eine besonders verschwenderische Praxis, verhindert aber nicht automatisch, dass der ganze Hai gefangen und getötet wird.

Meine Reihenfolge für den Alltag lautet:

  1. Keine Haiprodukte kaufen. Das ist der direkteste persönliche Schritt.
  2. Herkunft nicht raten. Fehlen Art, Fanggebiet und nachvollziehbare Informationen, lasse ich das Produkt liegen.
  3. Begegnungen verantwortbar wählen. Kein Anfassen, Jagen oder Bedrängen für ein Foto.
  4. Beobachtungen nutzbar machen. Sichtungen und Eikapseln mit Ort, Datum und möglichst einem Beleg melden.
  5. Am eigentlichen Hebel ansetzen. Fischereimanagement, Beifang, Handel und Kontrolle sind weniger fotogen als eine Flosse – aber dort wird über Bestände entschieden.

Warum ein scheuer Schwarzspitzenriffhai auf Lombok alles verändert hat

Meine erste Begegnung mit einem Hai hatte nichts von dem Monsterbild, das Filme jahrelang aufgebaut haben. Ich war auf Lombok tauchen. Teile des Riffs waren durch Dynamitfischerei zerstört; graue, abgestorbene Korallen bedeckten den Boden. In dieser beschädigten Unterwasserlandschaft lebten viele Schildkröten. Und weiter draußen zog mein erster Schwarzspitzenriffhai seine Bahnen.

Er war scheu. Immer wenn wir uns näherten, schwamm er wieder ein gutes Stück weg. Ich hatte Gänsehaut, aber keine Angst vor ihm. Eher vor dem Gedanken, wie schief das Kräfteverhältnis war: Das Tier wich uns aus. Die Bedrohung ging in dieser Begegnung nicht von ihm aus.

Spätere Haibegegnungen haben diesen Eindruck verstärkt: Die Tiere, die ich unter Wasser erlebt habe, waren ruhig und faszinierend. Die Lombok-Szene blieb trotzdem der Ausgangspunkt. Sie machte aus einem abstrakten Artenschutzthema eine persönliche Haltung: Ich kaufe keine Haiprodukte. Meine weiteren Erfahrungen in der Region ordne ich im Beitrag über das Tauchen rund um Gili Trawangan und Lombok ein.

Die Hauptbedrohung ist Überfischung – nicht ein einzelnes Feindbild

Der Zustand der Bestände lässt sich nicht seriös mit einer einzigen weltweiten Zahl und auch nicht mit einem Bild abgeschnittener Flossen erklären. Bei der umfassenden Neubewertung der Roten Liste im Jahr 2021 galten laut IUCN 37 Prozent der Hai- und Rochenarten als vom Aussterben bedroht. Als wichtigsten Druck nennt die IUCN Überfischung; Lebensraumverlust und Klimawandel verschärfen die Lage bei einem Teil der Arten.

Eine 2024 in Science veröffentlichte Analyse schätzte die weltweite Fischereimortalität auf mindestens 76 Millionen Haie im Jahr 2012 und 80 Millionen im Jahr 2019. Rund 25 Millionen der 2019 getöteten Tiere gehörten dem Modell zufolge bedrohten Arten an. Das sind wissenschaftliche Schätzwerte mit Unsicherheiten, keine vollständige Zählung jedes einzelnen Tieres. Die Größenordnung ist alarmierend genug; sie braucht keine Aufrundung zur Schlagzeile.

Gruppe von Haien im offenen blauen Wasser
Wirksamer Haischutz beginnt bei Fangdruck, Beifang, Handel und kontrollierbaren Regeln. Foto: Colton Jones / Unsplash

Auch die Ökologie braucht mehr Präzision. Nicht jede Haiart erfüllt in jedem Lebensraum dieselbe Rolle, und nicht jeder Bestand lässt sich mit der simplen Formel „Hai weg, Nahrungskette kippt“ beschreiben. Haie und Rochen besetzen sehr unterschiedliche Nischen. Welche Folgen ihr Rückgang für ein konkretes Ökosystem hat, hängt von Art, Lebensraum und den dortigen Wechselwirkungen ab. Der Schutz braucht keine überzogene Universalgeschichte. Die dokumentierte Gefährdung reicht als Grund völlig aus.

Große Gruppe von Riffhaien im offenen Meer
Haie sind keine einheitliche Gruppe: Schutzmaßnahmen müssen Art, Lebensraum und konkrete Bedrohung berücksichtigen. Foto: Jakob Owens / Unsplash

Warum Finning-Verbote notwendig sind, aber nicht genügen

Finning bezeichnet das Abtrennen der Flossen an Bord und das Verwerfen des übrigen Körpers auf See. Ein strenges Verbot dieser Praxis ist selbstverständlich sinnvoll. Die EU-Regelung zum Abtrennen von Haifischflossen ist ein wichtiges Kontrollinstrument.

Aber hier liegt ein Denkfehler: Ein vollständig angelandeter Hai ist trotzdem tot. Die globale Analyse von 2024 kam zu dem Ergebnis, dass weit verbreitete Finning-Regeln die gesamte Fischereimortalität nicht gesenkt hatten, während regionale Fang- oder Rückhalteverbote in einigen Fällen wirkten. Das heißt nicht, dass Finning erlaubt werden sollte. Es heißt, dass Schutz weitergehen muss als bis zur Frage, ob Flossen und Körper getrennt oder zusammen im Hafen ankommen.

Die FAO nennt für nationale Hai-Aktionspläne deshalb ein breiteres Paket: gerichtete und unbeabsichtigte Fänge nachhaltig begrenzen, bedrohte Bestände besonders behandeln, Beifang reduzieren, kritische Lebensräume schützen sowie artgenaue Fang-, Anlande- und Handelsdaten verbessern. Der Plan ist freiwillig. Ohne Umsetzung und Kontrolle bleibt also auch ein guter Katalog nur Papier.

Beim internationalen Handel setzt CITES für gelistete Hai- und Rochenarten auf Legalität, Nachhaltigkeitsprüfung und Rückverfolgbarkeit. Auch das ist ein Teil der Lösung, nicht die ganze Lösung. Handelskontrolle ersetzt weder Fangmanagement auf See noch verlässliche Daten.

Fünf persönliche Schritte mit einem echten Hebel

1. Haiprodukte konsequent liegen lassen

Die robuste Entscheidung ist simpel: keine Flossen, kein Haifleisch, kein Haileberöl und keine Souvenirs aus Haiteilen kaufen. Nicht jedes angebotene Produkt ist automatisch illegal. Legal bedeutet aber nicht automatisch gut gemanagt oder ökologisch vertretbar.

Der Shark Trust empfiehlt bei angebotenen Haiprodukten, freundlich nach genauer Art und Herkunft zu fragen. Bei Fleisch sollten Händler zumindest Art und Fanggebiet nennen können. Fehlen diese Angaben, ist Nichtkaufen die sauberste Antwort. Eine sachliche Erklärung wirkt meist mehr als ein Streit mit dem Personal.

2. Bei Fisch nicht nur auf einen grünen Werbesatz vertrauen

Viele Haie sterben als Beifang in Fischereien, die eigentlich auf andere Arten zielen. Deshalb frage ich auch bei gewöhnlichem Fisch nach genauer Art, Fanggebiet und Fangmethode. Diese drei Angaben beweisen noch keine Nachhaltigkeit. Wenn nicht einmal sie verfügbar sind, fehlt aber schon die Grundlage für eine belastbare Entscheidung.

Ich würde keine App, kein Siegel und keine Restaurantformulierung als Freifahrtschein behandeln. Bestände und Bewertungen können sich regional unterscheiden und verändern. Die vernünftige Frage lautet nicht: „Ist Fisch grundsätzlich gut oder schlecht?“ Sondern: „Welche Art wurde wo und wie gefangen, und lässt sich das nachvollziehen?“

Walhai schwimmt nahe der Wasseroberfläche
Auch beim Haitourismus entscheiden Abstand, Gruppengröße und Verhalten darüber, ob eine Begegnung verantwortbar bleibt. Foto: Jeremy Bishop / Unsplash

3. Haitourismus nach seinem Verhalten beurteilen

Ein lebender Hai kann für eine Küstenregion dauerhaft wertvoll sein. Daraus folgt aber nicht, dass jede Tour mit Hai im Namen automatisch Artenschutz ist. Vor einer Buchung würde ich den Anbieter an konkreten Punkten prüfen:

  • Gibt es ein Verhaltensbriefing und klare Abstandsregeln?
  • Werden Berühren, Verfolgen und Einkreisen ausdrücklich ausgeschlossen?
  • Sind Gruppengröße und Zeit am Tier begrenzt?
  • Verspricht der Anbieter eine Sichtung oder sogar Körperkontakt? Dann wäre ich raus.
  • Falls Futter eingesetzt wird: Kann der Anbieter Zweck, Methode und mögliche Verhaltensfolgen nachvollziehbar erklären?
  • Fließen Sichtungsdaten oder Geld nachweisbar in lokale Forschung und Schutzarbeit? Schafft der Anbieter außerdem Arbeitsplätze vor Ort?

Der schöne Satz „Wir schaffen Bewusstsein“ genügt mir nicht. Ich möchte wissen, was die Tour praktisch verändert und wie sie verhindert, dass Tiere für Bilder bedrängt werden.

4. Aus einer Sichtung einen brauchbaren Datensatz machen

Citizen Science ist dann hilfreich, wenn aus Begeisterung verwertbare Information wird. Der Shark Trust bündelt Möglichkeiten zur Beteiligung: Sichtungen melden, leere Eikapseln dokumentieren oder an Projekten wie dem Great Shark Snapshot teilnehmen.

Eine gute Meldung enthält Datum, möglichst genaue Position, Art oder eine ehrliche Unsicherheit, Anzahl, Verhalten und ein Foto oder Video, sofern es ohne Störung entstanden ist. Eine erfundene Artbestimmung hilft niemandem. „Unbekannter Hai“ mit gutem Bild ist wertvoller als ein selbstbewusst falsch benannter Weißer Hai.

5. Politische Forderungen präzise machen

„Rettet die Haie“ ist ein verständlicher Ruf, aber noch keine Maßnahme. Wirksamer sind konkrete Forderungen: wissenschaftlich begründete Fang- und Rückhaltegrenzen, Schutz besonders gefährdeter Arten und Lebensräume, weniger Beifang durch veränderte Geräte und Verfahren, Beobachter- und Kontrolldaten, artgenaue Fang- und Anlandedaten sowie legaler und rückverfolgbarer Handel.

Wer Abgeordnete, Behörden, Unternehmen oder Verbände anschreibt, sollte genau einen solchen Punkt verlangen und nach der Antwort fragen. Das ist weniger spektakulär als ein empörter Post. Es ist aber anschlussfähig an die Instrumente, die FAO und CITES tatsächlich vorsehen.

Ein realistischer Handlungsplan statt einer endlosen Liste

  • Ab heute: keine Haiprodukte kaufen und bei unklar deklariertem Fisch nach Art, Fanggebiet und Methode fragen.
  • Vor der nächsten Hai-Tour: den Anbieter mit den sechs Fragen oben prüfen und bei ausweichenden Antworten nicht buchen.
  • Bei der nächsten Sichtung: Ort, Datum und Beleg notieren und an ein passendes Citizen-Science-Projekt melden.
  • In diesem Monat: eine konkrete Kampagne, politische Forderung oder Organisation auswählen, deren Arbeitsweise nachvollziehbar ist.
  • Danach: prüfen, was aus der eigenen Unterstützung wurde. Dauerhafte Hilfe braucht Rückmeldung, nicht nur ein gutes Gefühl beim Spenden.

Welche Haischutzorganisation oder welches Projekt verdient Unterstützung?

Eine lange Namensliste alter und neuer Organisationen hilft kaum. Namen ändern sich, Projekte laufen aus, und nicht jede Kampagne arbeitet am selben Problem. Ich würde eine Organisation nach ihrem Mechanismus auswählen:

HebelWoran du belastbare Arbeit erkennstMöglicher eigener Beitrag
Forschung und Citizen Scienceklare Datenerhebung, Methodik und sichtbare AuswertungSichtungen melden, mitarbeiten, zweckgebunden fördern
Fischereipolitikkonkrete Forderungen zu Fang, Rückhaltung, Beifang und KontrolleKampagnen unterstützen, Abgeordnete anschreiben
HandelskontrolleFokus auf Artbestimmung, Legalität und Rückverfolgbarkeitverdächtige Angebote sachlich melden, Aufklärung fördern
Lokaler SchutzPartner vor Ort, messbare Ziele und transparente Mittelverwendungseriöse Projekte oder lokale Arbeitsplätze unterstützen

Vor einer Spende prüfe ich, ob aktuelle Berichte, Verantwortliche, Ziele und Ergebnisse auffindbar sind. Wie viel Geld floss in welches Projekt? Was wurde gemessen? Was änderte sich? Eine emotionale Startseite ist noch kein Wirkungsnachweis.

Der Shark Trust ist ein konkreter Einstieg, weil dort politische Kampagnen und mehrere Citizen-Science-Wege sichtbar zusammenlaufen. Das macht ihn nicht automatisch zur einzig richtigen Organisation. Wer lieber regional hilft, kann dieselben Kriterien an ein lokales Projekt anlegen.

Was allein nicht reicht

Plastik zu vermeiden ist sinnvoller Meeresschutz. Nach der IUCN-Bewertung ist Überfischung für Haie und Rochen jedoch der dominante Druck. Wer nur auf Trinkhalme verzichtet, hat das Hauptproblem des Haischutzes noch nicht berührt.

Auch ein Finningverbot, ein geteiltes Video oder eine einmalige Spende sind kein Endpunkt. Sie wirken über unterschiedliche Mechanismen: Ein wirksam vollzogenes Finningverbot kann die verschwenderische Praxis unterbinden, muss deshalb aber nicht die gesamte Fischereimortalität senken; bei Videos und Spenden hängt die Wirkung von der konkreten Kampagne, dem Projekt und der Umsetzung ab. Für den Zustand der Bestände zählen am Ende vor allem geringere Fischereimortalität, weniger Beifang, wirksamer Schutz bedrohter Arten und kontrollierte Regeln.

Mein Fazit: Haie schützen heißt, genauer hinzusehen

Mein erster Schwarzspitzenriffhai auf Lombok schwamm nicht auf mich zu. Er wich aus. Das Bild ist mir geblieben, weil es die Verhältnisse ziemlich sauber sortiert: Der Hai war nicht das Problem in dieser Begegnung.

Wer Haie schützen will, muss deshalb weg vom reinen Monster- oder Märchenerzählen und hin zu den weniger bequemen Details. Was kaufe ich? Woher kommt mein Fisch? Wie verhält sich mein Touranbieter? Welche Daten kann ich liefern? Welche konkrete Regel unterstütze ich?

Du musst nicht alles gleichzeitig tun. Aber eine nachprüfbare Handlung ist mehr wert als fünf Symbole. Fang mit der Entscheidung an, die du dauerhaft durchhältst.

Über Sascha Tegtmeyer

Über Sascha Tegtmeyer

Reisejournalist, Autor und Gründer von Just Wanderlust

Ich schreibe auf Just Wanderlust aus eigener Reiseerfahrung über Orte, Meer und Outdoor-Abenteuer. Mehr über mich und meine Arbeit.

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